Angestrengt starrt die Fraktionschefin von CDU und CSU auf ihr Redemanuskript und unterhält sich immer wieder mit ihren Nachbarn. So lässt sich der Blick zu Edmund Stoiber am besten vermeiden. Der ehemalige Kanzlerkandidat sitzt nur ein paar Meter Luftlinie entfernt in der Bank des Bundesrates um dem "historischen" Kanzler-Auftritt beizuwohnen. Stoiber blickt ebenfalls geschäftsmäßig in seine Papiere oder in Richtung Schröder.
Es gab Zoff zwischen den beiden Schwesterparteien. "Stinksauer" soll Merkel gewesen sein. Praktisch noch bis in den Vorabend der womöglich wichtigsten Rede des Kanzlers hinein. Da saß sie gemeinsam mit den Ministerpräsidenten der Union in der saarländischen Landesvertretung zusammen, um die parteiinternen Dissonanzen einzufangen. Denn Edmund Stoiber hatte sich Kraft seines bayerischen Regierungsamtes nicht nur ohne Abstimmung auf die Rednerliste gesetzt, sondern auch ein eigenes "Akutprogramm" ins Spiel gebracht, dessen Radikalität die Beschlusslage der Union zum Teil weit übertrifft.
Hinter verschlossenen Türen brach sich erneut das Unbehagen über Stoibers Ideen Bahn, die von der pauschalen Verkürzung des Arbeitslosengeldes auf zwölf Monate bis zur drastischen Absenkung der Bezüge für arbeitsfähige Sozialhilfeempfänger reichen. Am Ende besänftigte der Bayer die Gemüter mit dem Hinweis, dass es sich doch nur um eine "Diskussiongrundlage" handele.
An diese Sprachregelung hält sich Stoiber dann auch bei seinem Vortrag im Bundestag. Allerdings muss er sich damit bis in die Mittagsstunden gedulden. Denn nach dem Kanzler ist erst einmal Merkel dran. Ihre Attacke gegen Schröder gleich zu Beginn bringt die Opposition in Verzückung: Auf der Cebit sei der Kanzler gefragt worden, wann der Aufschwung komme. Am Freitag, habe Schröder geantwortet. "Aber er hat nicht gesagt, an welchem Freitag", so Merkel triumphierend. "Der große Wurf war das mit Sicherheit nicht", kanzelt sie den Kanzler-Beitrag ab. Denn über "viele Bekenntnisse und vage Andeutungen" sei Schröder nicht hinaus gekommen.
Dabei verfährt Merkel kaum anders. Sie spricht von Zuversicht und Optimismus, beschwört den "Gründergeist" und eine Periode der "zweiten Gründungsjahre", um wieder "an die Spitze Europas zu kommen". Auch "eine nationale Kraftanstrengung" darf nicht fehlen. Jenseits solcher Worthülsen macht Merkel allerdings deutlich, was der Rede Schröders fehlte: ein politischer Leitgedanke, ein Wertegerüst. Weniger überzeugend geraten ihre Passagen zu den inhaltlichen Details. Denn das ist Merkels Problem: Die vom Kanzler formulierten Reformvorhaben tragen fast ausnahmslos das Gütesiegel der Union. Aller rhetorischen Schleier entkleidet, liegen Schröder und die Opposition etwa in Sachen Gesundheitswesen oder Arbeitsmarkt inzwischen so dicht beieinander, dass es Merkel schwer fällt, die Distanz zu markieren.
Stoiber geht mehr in die Offensive. An Schröder gewandt spricht er aus, was bei der Union für sichtbares Erstaunen sorgte: "Ich freue mich, dass Sie an unserem Baum der Erkenntnis genascht haben." Stoiber rechnet aber auch mit den rot-grünen Widersprüchen ab.
Während der Kanzler ein millardenschwers Investitionsprogramm zur Wohnungsbausanierung initiiert, soll über das fast zeitgleich im Bundesrat gestoppte Steuersubventions-abbaugesetz der Regierung die Eigenheimzulage beschnitten werden. "Soviel Schizophrenie war in Deutschland noch nie", erregt sich Stoiber unter tosendem Beifall der Opposition. Gleich mehrfach sucht er dann den innerparteilichen Frieden zu befördern. Die Passagen über sein "Akutprogramm" garniert der Bayer mit der Bemerkung ". . . genau wie Frau Merkel gesagt hat . . ." .