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| 02:45 Uhr

Opfert die Bahn drei Lausitzer Haltepunkte ohne Not?

Sie wollen sich mit der Schließung der Bahnhalte Raddusch, Kunersdorf und Kolkwitz nicht abfinden: Matthias Hantscher, Gerd Bzdak und Ulrich Lagemann (v.l.n.r.).
Sie wollen sich mit der Schließung der Bahnhalte Raddusch, Kunersdorf und Kolkwitz nicht abfinden: Matthias Hantscher, Gerd Bzdak und Ulrich Lagemann (v.l.n.r.). FOTO: Taubert/Janetzko
Cottbus/Berlin. Bahnhaltepunkte zu schließen, um einen Fahrplan zu gestalten – für Planer ist das die allerletzte Variante. Und dennoch soll dieses Schicksal die Reisenden in Raddusch, Kunersdorf und Kolkwitz treffen. Der Regionalexpress (RE) 2 rauscht vorbei. Die Bürgerinitiativen vor Ort geben aber nicht klein bei. Und erhalten Unterstützung. Christian Taubert

Sie sind hoffnungsvoll zu einem Expertengespräch zum neuen Fahrplan des RE 2 Cottbus-Berlin-Wismar nach Berlin gefahren. Vertreter der Bürgerinitiativen (BI) Raddusch und Kolkwitz/Kunersdorf, deren Bahnhalte ab Dezember gestrichen werden sollen, hatten Vorschläge mitgebracht und unterbreitet. "Aber wir haben nur zu hören bekommen, was alles nicht geht", zeigt sich der Radduscher Matthias Hantscher ernüchtert nach dem Treffen mit Vertretern des Verkehrsverbundes Berlin-Brandenburg (VBB), der DB Netz und des Potsdamer Infrastrukturministeriums.

Die Schließung der drei Halte sollen vier Minuten Fahrzeitpuffer bringen, um den RE 2 zu mehr Pünktlichkeit zu führen. Mit mehr als 10 000 Unterschriften für den Erhalt der drei Bahnhöfe im Rücken hatten die Bürgerinitiativen vorgeschlagen, dass sich der RE 2 - wegen der Eingleisigkeit der Strecke Lübbenau-Cottbus - wie früher in Lübbenau begegnet. Denn dann könnten nach deren Ansicht ausreichende Puffer- und Umsteigezeiten in Cottbus nach Ortsachsen, die Senftenberger Region oder Richtung Leipzig erreicht werden. "Wir haben den Eindruck, dass die Politik die Probleme der gut 3000 Umsteiger am Bahnhof Cottbus ignoriert", erklärt der Ortsvorsteher von Raddusch, Ulrich Lagemann, gegenüber der RUNDSCHAU.

Der VBB, so Lagemann, habe entgegen eigenen Ankündigungen "nicht einen Lösungsvorschlag für den neuen Fahrplan unterbreitet". Stellt man die Unwägbarkeiten für den RE 2 bei der Durchfahrt von Berlin in Rechnung, die bei dem Fachgespräch zutage getreten seien, "dann spielen die vier Minuten Zeitpuffer durch Schließung dreier Haltepunkte in der Realität keine Rolle", schildert Gerd Bzdak, Sprecher der Bürgerinitiative Kolkwitz/Kunersdorf, seinen Erkenntnisgewinn.

Für die Bürgerinitiativen steht fest, dass der RE 2 nicht nur die längste Linie Brandenburgs ist, sondern auch die mit der komplexesten Linienführung und vielen Abhängigkeiten. "Deshalb muss dem RE 2 endlich eine ausreichende Fahrzeit eingeräumt werden", sagt Lagemann, "damit der Zug überhaupt die Chance bekommt, Cottbus mit seinen vielen Anschlüssen pünktlich zu erreichen." Anstatt vom Bahn-Problemknoten Cottbus aus zu planen, hätten VBB und DB Netz im Norden begonnen, den Fahrplan zu konzipieren.

Unterstützung erfahren die Bürgerinitiativen unterdessen vom Fahrgastverband Pro Bahn. Landeschef Dieter Doege, ein ausgewiesener Fahrplanexperte, verweist auf Studien der IHK Cottbus und von Pro Bahn, deren Ergebnisse vom VBB akzeptiert worden seien. "Aber gehandelt wird nicht", sagt Doege. Denn beide Studien verweisen darauf, dass dem RE 2 mindestens 15 Minuten Fahrzeit fehlen. Dieser Fakt wird durch eine Qualitätsanalyse der Ostdeutschen Eisenbahn (Odeg) bestätigt: Danach fährt der RE 2 von allen durch die Odeg betriebenen Strecken am schnellsten, hat die geringsten Haltezeiten und verkehrt dennoch am unpünktlichsten.

Der Fahrzeitverlängerung ist der VBB im Fahrplanentwurf für 2015/16 nun nachgekommen:

Die bisherige Gesamtreisezeit des RE 2 beträgt 4:23 Stunden. Der neue VBB-Vorschlag sieht in der Richtung Cottbus-Wismar 4:35 Stunden und in der Gegenrichtung 4:34 Stunden vor. "Das erscheint auf den ersten Blick als Entspannung der Fahrzeitproblematik", erklärt Doege. Doch bei genauerem Hinsehen entpuppt sich die zwölfminütige Fahrzeitzunahme als eine weitere Verkürzung für den RE 2. Denn in der Fahrzeitverlängerung haben die Planer zusätzliche Wartezeiten versteckt, die es vorher nicht gab. So muss der RE 2 in Richtung Cottbus allein beim Halt in Wittenberge 6:30 Minuten und in Nauen 6:24 Minuten auf die Überholung durch Fernzüge warten. In der Gegenrichtung sind es vor allem 8:12 Minuten in Nauen.

Aus Sicht von Pro Bahn kann der VBB-Fahrplanvorschlag trotz Streichung der drei Lausitzer Halte nicht ansatzweise das Versprechen einlösen, den überaus wichtigen Knoten Cottbus endlich funktionssicher zu gestalten. Entscheidend sei dabei die Fahrtrichtung Wismar-Cottbus: Die viel zu kurze Fahrzeit zwischen Berlin-Spandau und Lübbenau werde mit dem VBB-Vorschlag von derzeit 1:17 Stunden auf nur 1:20,42 Stunden verlängert. Dieter Doege: "Der Pro-Bahn-Vorschlag bietet dagegen nicht nur eine den Streckenerfordernissen eher angemessene Fahrzeit von 1:23 Stunden, sondern gleichzeitig eine um sechs Minuten frühere Ankunft in Cottbus. Er sichert neben der attraktiven stündlichen Bedienung aller drei Halte - Raddusch, Kunersdorf und Kolkwitz - die Umsteigebeziehungen in Cottbus wirklich nachhaltig."

Den entscheidenden Nachteil des VBB-Fahrplanvorschlags gegenüber dem von Pro Bahn sieht Dieter Doege "in der starren Verknüpfung des RE 2 mit den Fernzügen. Damit schlage jede Verspätung des Fernverkehrs minutengenau auf den RE 2 durch und zerstört die Chancen auf funktionierende Anschlüsse in Cottbus. Deshalb bringt Pro Bahn eine in Süddeutschland gehandhabte Praxis ins Gespräch, wo Züge nicht starr auf eine geplante Überholung warten müssen, sondern vorausfahren dürfen: bis zu einem Bahnhof, der denselben Umstieg gewährleistet.

Bisher steht unter all diesen Pro-Bahn-Alternativen "abgelehnt". Aus dem Ressort von In-frastrukturministerin Kathrin Schneider (parteilos) heiß es zu letzterem Vorschlag, dass der RE 2 nur haltend überholt werden könne. Die DB Netz AG habe hierzu als sicherheitsverantwortliche Infrastrukturbetreiberin gegenüber allen Beteiligten erklärt, dass "fliegende Überholungen" im Fall des RE 2 von ihr nicht verantwortet werden können. Wie der Pressesprecher des Ministeriums Steffen Streu zudem erklärt, verkehre der RE 2 in diesem Jahr überholfrei im nördlichen Abschnitt der Linie. 2016 müsse mit dem Fahrplan aber Rücksicht auf Güter- und Umleitungsverkehr genommen werden. "Deshalb reicht die Fahrzeit im südlichen Abschnitt nicht mehr aus, um rechtzeitig den Nullknoten Cottbus zu erreichen und die Pünktlichkeit des Zuges im südlichen Anschnitt zu verbessern", betont Streu. "Die im südlichen Teil der Strecke des RE 2 fehlende Zeit von vier Minuten lässt sich derzeit nur durch ein verändertes Haltekonzept zwischen Lübbenau und Cottbus aufholen."

Ortsvorsteher Lagemann und die Bürgerinitiativen geben dennoch nicht auf. "Es gibt andere Lösungen. Aber dafür braucht es einen Willen", sagt Ulrich Lagemann. "Wir sind der unzähligen Versprechungen des VBB leid, er muss endlich liefern."

Selbst die von der Ministerin für das Jahr 2018 angekündigten Lösungen, die Bahnhalte wieder aufzunehmen, seien im jüngsten Gespräch in Berlin "völlig nebulös geblieben".

Zum Thema:
In der Studie der IHK Cottbus "Zurück zur Pünktlichkeit" vom Januar 2014 wird nachgewiesen, dass der Fahrplan auf der mit 389 Kilometern längsten Regionalexpress-Strecke Berlin-Brandenburgs entzerrt werden muss. Er hat ein viel zu enges Korsett. Die Ostdeutsche Eisenbahn (Odeg) gibt in einer jüngsten Qualitätseinschätzung ihrer Linien an, dass der RE 2 am schnellsten fährt, die geringsten Haltezeiten hat und trotzdem am unpünklichsten ist. Seit Jahren wird in Erwägung gezogen, die Linie zu teilen, da Unwägbarkeiten mit dem Fernverkehr im Norden, das Nadelöhr Bahnhof KW und die Eingleisigkeit zwischen Lübbenau und Cottbus mehr Pünktlichkeit unerreichbar erscheinen lassen. Stattdessen kommt das Aus für drei Lausitzer Haltepunkte.