"Das ist Mord aus niederen Beweggründen.
Niedriger geht es gar nicht mehr."
 Sigrun von Hasseln, Vorsitzende Richterin


Die Vorsitzende der Jugendstrafkammer des Cottbuser Landgerichtes, Sigrun von Hasseln, sprach Klartext: Der Angeklagte habe sein 51 Jahre altes Opfer malträtiert, weil der in seinen Augen nur ein wehrloser „Penner“ gewesen sei, wie er ihn selbst nannte. An dem Mann, den er zufällig etwa eine Stunde vor der Tat an einer Straßenbahnhaltestelle kennengelernt hatte, habe er seine Wut über persönliche Niederlagen abreagiert. „Sie haben einen Schwächeren wie einen Fußabtreter benutzt“ , sagte die Jugendrichterin zu dem schüchtern wirkenden jungen Mann auf der Anklagebank. „Das ist Mord aus niederen Beweggründen. Niedriger geht es nicht mehr“ , fügte sie hinzu.
Das Gericht widersprach damit der Auffassung von Verteidiger Tino Kepstein, der lediglich auf Körperverletzung mit Todesfolge und vier Jahre Jugendhaft plädiert hatte. Es blieb mit dem Urteil nur knapp unter dem Antrag der Staatsanwaltschaft. Die hatte neun Jahre und drei Monate Jugendhaft gefordert. Einzig die Tatsache, dass der Angeklagte sich nach der Tat gestellt hatte, sein Geständnis und seine Reue hätten ihn vor der Höchststrafe im Jugendstrafrecht von zehn Jahren bewahrt, unterstrich Sigrun von Hasseln.
Heftig diskutiert wurde im Verlauf des Verfahrens, ob ein PC-Gewaltspiel Auslöser des brutalen Mordes war, mit dem sich der Angeklagte vor der Tat bei einem Bekannten über fünf Stunden lang beschäftigt und in dem er stets verloren hatte. Wie in dem virtuellen Wrestlingkampf zwischen zwei Männern, die sich schlagen und treten, hatte Steffen G. in der Nacht zum 10. Juli den Obdachlosen in einem Park eine Treppe heruntergestoßen. Dann trat er mit dem Fuß zehn- bis zwölfmal dem am Boden Liegenden ins Gesicht. Das Opfer habe furchtbare Verletzungen erlitten und sei qualvoll gestorben, stellte das Gericht fest.
„Wenn man einem Menschen mit solcher Wucht ins Gesicht tritt, weiß man, dass man ihn töten kann.“ Dabei hätte das Opfer noch gerettet werden können, wenn es Hilfe erhalten hätte. Der Mann war nämlich am eigenen Blut und an Erbrochenem erstickt. Weil Hilfe nicht geholt wurde, muss sich ein Bekannter des Angeklagten, der die Tat unbeteiligt verfolgte, demnächst wegen unterlassener Hilfeleistung verantworten.
Das Gericht folgte im wesentlichen Punkt nicht dem Gutachten des Hirnforschers Professor Manfred Spitzer. Der hatte erklärt, dass das sich über fünf Stunden hinziehende Spiel beim Angeklagten zwar nicht zu einem Lernprozess, jedoch zu einem „Abstumpfungseffekt“ geführt habe. Anders sei die Tat gar nicht zu verstehen.
Das Gericht sah das anders. Einen Einfluss der Bilder des Computerspiels auf die Tat sei nicht von der Hand zu weisen, hieß es. „Es ist möglich, dass der Angeklagte sie im Kopf hatte, als das Opfer am Boden lag“ , so die Vorsitzende Richterin. Die Steuerungs- und damit die Schuldfähigkeit sei bei Steffen G. dennoch nicht beeinträchtigt gewesen. „Der Angeklagte wusste genau, wann er, drastisch gesagt, die Sau rauslassen konnte.“ Gegenüber seiner Mutter, die ihn mit 17 Jahren zur Welt gebracht hatte, dem Stiefvater, der keinen Einfluss auf die Erziehung nahm oder auch gegen Mithäftlinge während der jetzigen Untersuchungshaft sei das so gewesen. Auch gegenüber dem Opfer, dem „Penner“ , wie er ihn bezeichnete, habe er Stärke zeigen und beweisen wollen, was er drauf habe, sagte Sigrun von Hasseln.
So ähnlich hatte es auch Staatsanwalt Martin Mache in seinem Plädoyer formuliert. „Jedes Opfer wäre dem Angeklagten Recht gewesen, um seinen angestauten Frust abzubauen.“
Als „Mann mit zwei Gesichtern“ bezeichnete der psychiatrische Gutachter, Dr. Jürgen Rimpel aus Lübben, den Angeklagten. Hinter der schönen, freundlichen, heilen Fassade verberge Steffen G. die innere Empfindung, dass sein Leben bisher nur aus Niederlagen bestand. „Unter Alkoholeinfluss zerbricht diese Fassade“ , so Rimpel. So war es auch in der Tatnacht. Erst habe er ständig gegen seinen Bekannten im PC-Spiel verloren, dann sei er auf dem Heimweg nach einem Tritt gegen einen Fahrscheinautomaten in eine Polizeikontrolle geraten, bei der eine Alkoholmenge von 1,7 Promille im Blut festgestellt wurde. Schließlich habe der Bekannte es auch noch abgelehnt, dass das spätere Opfer bei ihm übernachtet, als Steffen G. mit diesem bei ihm aufgetaucht war. Das alles habe der Angeklagte als Demütigung empfunden.
Nach Ansicht von Rimpel war die Steuerungsfähigkeit beim Angeklagten während der Tat weder durch Alkohol noch durch das Computerspiel vermindert. Ein einmaliges Computerspiel könne nicht zu einem Lerneffekt führen, der so stark in die Psyche eingreife. Schließlich lerne man auch nicht in ein paar Stunden das Spielen eines Musikinstrumentes, führte Rimpel als Beispiel an.
Der Psychologe aus Lübben warnte ausdrücklich vor einem Rückfallrisiko bei dem Angeklagten, wenn dessen Alkoholkrankheit und die damit verbundenen Aggressionen nicht langfristig behandelt werden. Er brauche kluge Therapeuten, die die Doppelbödigkeit seines Wesens bloß legten: die des netten, freundlichen, hilfsbereiten, verzärtelten Jungen auf der einen Seite und die des Mannes, der gegen vermeintlich Schwächere rücksichtslos den Überlegenen herausstelle auf der anderen Seite.
Bisher hat jegliche gesellschaftliche Hilfe bei Steffen G. versagt. Dieser hatte Angebote, die in der Vielzahl „die absolute Ausnahme“ sind, wie Sigrun von Hasseln sagte. Dazu gehörten Suchttherapie, Anti-Aggressionstraining, ein persönlicher Jugendbetreuer, die Unterbringung im betreuten Wohnen. „Alles war für die ,Katz‘“ , stellte die Richterin fest. Die Jugendschöffenkammer des Landgerichtes verfügte deshalb für den Angeklagten nach Verbüßung der Jugendstrafe die Einweisung in eine Entziehungsanstalt.