ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 02:44 Uhr

Geschichte
Eine Zeitmaschine für das Olympische Dorf

 Selma Kassem aus Aachen zeigt, wie es im einstigen Theater des Olympischen Dorfes ausgesehen haben könnte.
Selma Kassem aus Aachen zeigt, wie es im einstigen Theater des Olympischen Dorfes ausgesehen haben könnte. FOTO: Jan Siegel
Elstal. Studenten der BTU Cottbus-Senftenberg haben eine Idee entwickelt, wie sich vergessene, geschichtsträchtige Orte ohne finanziellen Aufwand wieder zum Leben erwecken lassen. Am Wochenende haben sie im ehemaligen Olympischen Dorf aus dem Jahr 1936 gezeigt, wie das dank modernster Technik funktioniert. Jan Siegel

Es war ein Vorzeigeobjekt. Im Jahr 1936 wollten sich die deutschen Nationalsozialisten der Weltöffentlichkeit im besten Licht präsentieren. In Elstal (Havelland), vor den Toren Berlins, bauten sie ein Olympisches Dorf, das bis dahin ungekannte Maßstäbe setzte. Das Areal sollte 4000 Athleten aus insgesamt 49 Ländern beherbergen. Aber nicht nur die modernen Unterkünfte und die Sportstätten auf dem Gelände erfüllten alle Ansprüche der damaligen Zeit. Es war auch die Technik, die die Grenzen des damals Vorstellbaren sprengte.

Nach Elstal wurden die olympischen Wettkämpfe nicht nur per Radio live übertragen. Im "Dorf" konnten die Athleten erstmals auch im Fernsehen ohne Zeitverzug verfolgen, was sich im "fernen" Berliner Olympiastation tat.

Die Zeiten sind lange vorbei. Heute ist das Olympische Dorf in Elstal ein vergessener Ort. Einige notdürftig erhaltene Baracken, ein paar äußerlich sanierte Häuser und viel Grün prägen das Bild. Im Umfeld wohnen in aufwendig sanierten Häusern aus den 1930er-Jahren die Berliner, die es ins Grüne zog, denen aber das Geld oder die Motivation fürs Eigenheim fehlt. Bis zum Berliner Hauptbahnhof fährt die Regionalbahn eine knappe halbe Stunde.

Eigentümerin des halbkreisförmig angelegten Areals ist inzwischen die Deutsche Kreditbank (DKB). Seit Jahren versucht das Unternehmen das Gelände zu vermarkten - bisher ohne großen Erfolg.

Es war dieser geschichtsträchtige und doch beinahe vergessene Ort, der die Teilnehmer des internationalen und von der Unesco unterstützten Welterbe-Studienganges (World Heritage Studys) der BTU Cottbus seit dem Frühjahr in seinen Bann zog. Die jungen Wissenschaftler wollten das Olympische Dorf wieder zum Leben erwecken.

Die Master-Studenten kommen aus fast 50 Ländern von allen Kontinenten nach Cottbus, gelehrt wird durchgängig in Englisch. Sie haben in Mexiko oder Russland Tourismus-Management studiert oder Kulturwissenschaften in Nepal. Nach ihrem Studium in der Lausitz wollen sie helfen, die mehr als 1000 Welterbe-Stätten der Unesco zu managen.

Für die exemplarische "Wiedergeburt" des Olympischen Dorfes haben sie ein interessantes Projekt unter Einsatz modernster Computertechnik entwickelt, das am Wochenende der Öffentlichkeit präsentiert worden ist. Das Projekt ruht auf zwei Säulen. Gemeinsam mit dem italienischen Video-Künstler Antonio Venti haben die Studenten eine aufwendige Videoinstallation zur wechselvollen Geschichte des Geländes in Elstal produziert. Am Sonnabend wurde sie in der ehemaligen Schwimmhalle des Olympischen Dorfes gezeigt. Mit einem riesigen Video-Beamer, historischen Fotos und Filmsequenzen wurde dabei die Historie wieder lebendig.

Die zweite Säule der "Wiederbelebung" konnten die Besucher bei einem Rundgang durch das einstige Olympische Dorf entdecken. Überall auf dem Gelände fanden sich kleine Tafeln mit QR-Codes. Wer die vermuschelten Quadrate mit seinem Smartphone oder einem Tablet-Computer scannte, bekam zusätzlich historische Bilder, Informationen und Filme in die realen Orte eingeblendet. Das sind die neuen Möglichkeiten der sogenannten Augmented Reality.

So "saß" beispielsweise der legendäre afroamerikanische Leichtathlet Jesse Owens wieder in einem Zimmer, das den Unterkünften der Athleten von damals nachgebildet ist. Anna Titova aus dem russischen Jekaterinburg und ihr Kommilitone Alonzo Gomez aus Mexico hatten mit dafür gesorgt, dass die einstigen Sportler an den historischen Ort "zurückkehren" konnten. Die beiden Cottbuser Studenten berichteten begeistert von der aufwendigen Suche nach alten Fotos und der Arbeit mit modernen Technologien. Beide hatten als ausgebildete Touristikmanager bisher mit Rechentechnik wenig zu tun.

Im einstigen Theater des Olympischen Dorfes empfing Selma Kassem die Besucher mit einer musikalischen Überraschung. Mit ihrem Tablet-Computer brachte sie ein russisches Ensemble musikalisch auf die verwaiste Bühne, das in der Zeit der russischen Besatzung dort tatsächlich aufgetreten war. Mit Begeisterung erzählt die junge Frau aus Aachen, die im Ruhrgebiet bereits Sprachen und Kulturwissenschaften studiert hatte, von ihren Projekten und dem Studium in Cottbus. Dabei war sie sehr skeptisch, ehe sie in die Lausitz kam. Cottbus aber ist eine von ganz wenigen Universitäten weltweit, die ein solches Welterbe-Studium anbieten.

Sichtlich zufrieden ist an diesem Tag auch Simona Cadar. Die Koordinatorin des Cottbuser Welterbe-Studienganges hatte die Idee zur Wiederbelebung des ehemaligen Olympischen Dorfes mit nach Cottbus gebracht. "Es war auch ein bisschen Zufall dabei", sagt Cadar. Am Ende sei sie bei einem Einkaufstrip ins nahe gelegene Outlet-Center auf das Dorf aufmerksam geworden.

Unter erweiterter Realität (englisch: augmented reality) versteht man die computergestützte Erweiterung der Realitätswahrnehmung. Diese Information kann alle menschlichen Sinne ansprechen.

Häufig wird unter erweiterter Realität aber nur die visuelle Darstellung von Informationen verstanden, also die Ergänzung von Bildern oder Videos mit vom Computer erzeugten Zusatzinformationen oder virtuellen Objekten mittels Einblendung und Überlagerung.

Zum Thema:
Nach den Olympischen Spielen wurden auf dem Gelände eine Infanterieschule und ein Infanterie-Lehrregiment untergebracht. Das "Speisehaus der Nationen" wurde als Militärhospital, genannt Olympialazarett, eingerichtet. Diese Nutzung war bereits beim Entwurf des Gebäudes berücksichtigt worden: Im zweiten und dritten Stock wurden große Terrassen angelegt, auf die die Kranken mitsamt Bett geschoben werden konnten. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges zog die sowjetische Armee auf dem Gelände ein und nutzte es bis zum Abzug 1992. Unter anderem hatte der SASK Elstal dort seinen Sitz, in dem sowjetische Leistungssportler während ihres Wehrdienstes in Deutschland trainieren konnten. Der SASK Elstal nahm gelegentlich an Sportveranstaltungen in der DDR teil.