"Aber das gibt denen
noch lange kein Recht, uns alle wie
Straftäter zu behandeln."
 27-jähriger Sohn eines Suppenküchenbesitzers


Im Stadtzentrum wehen Nationalfahnen in vielen kleinen Läden. Wie Glücksbringer hängen sie auch an Rückspiegeln der Busse. Doch in den muslimischen Vierteln im Westen der Stadt ist kaum etwas von Olympia zu spüren. Dort ragen die Minarette der Moscheen über die Dächer.
Mit einer wegwerfenden Handbewegung reagieren die Hammelspieß-Verkäufer mit den weißen Kappen der muslimischen Uiguren und Hui auf das Thema Olympia. Ein großer Teil der Bevölkerung gehört Minderheiten an, hauptsächlich Hui und Tibeter, aber auch Uiguren. Bis zur Unruheregion Xinjiang, wo Sprengstoffanschläge und andere Bluttaten den olympischen Frieden stören, sind es nur wenige Stunden. Mehr von dem Missmut, den die Spiele mancherorts in Lanzhou verbreiten, bekommt zu hören, wer sich in eine der muslimischen Suppenküchen setzt, um eine Schüssel schweißtreibend scharfe Nudelsuppe mit Rindfleisch zu essen.
"Ist doch alles eine Riesenfarce", brummt der 27-jährige Sohn der Besitzer einer uigurischen Suppenküche, während er beeindruckend schnell die langen Nudeln aus einem Teigklumpen zieht und sie mit einem geübten Schwung in den dampfenden Kessel wirft. "Die tun so, als würden wir bei dem Zirkus mitfeiern, und zur gleichen Zeit verhaften sie daheim unsere Leute, weil sie angeblich landesverräterische Pläne haben." "Die" sind die Chinesen, "daheim" ist ein kleines Dorf Richtung Westen, ein Stück weit hinter der Grenze zwischen Gansu und Xinjiang, aus dem die Familie vor zehn Jahren nach Lanzhou gezogen ist. "Das sind deren Spiele, nicht unsere", fügt er hinzu. "Gerade jetzt, während der Spiele haben die eine Riesenangst, und wir bekommen das zu spüren."
Dass die Angst der Regierung nicht unbegründet ist, hat das Blutvergießen in den Städten Kashgar und Kuqa im Westen der Region Xinjiang gezeigt, bei denen mehr als 30 Menschen ums Leben kamen. Die Behörden verdächtigen uigurische Separatisten dahinter. Der junge Mann hat wenig Sympathie für die Anschläge, ist aber nicht überrascht. "Um ehrlich zu sein, wundern mich die Anschläge nicht. In Xinjiang brodelt es seit Langem." Seit den 90er-Jahren kommt es in der Region immer wieder zu Aufständen, unter anderem während der Unruhen in Tibet im März und April. Die Behörden warnten auch vor Anschlägen mutmaßlicher uigurischer Terroristen während der Olympischen Spiele. "Aber das gibt denen noch lange kein Recht, uns alle wie Straftäter zu behandeln", beschwert sich der 27-Jährige.
Auch für Yakub Azizi kamen die Anschläge nicht unerwartet. Der 23-jährige Uigure, der in einem kleinen koscheren Restaurant im Zentrum von Lanzhou arbeitet, steht den Spielen wohlgesonnener gegenüber. Er trägt ein T-Shirt mit dem Olympia-Logo. Eine Nationalflagge, abgewandelt zu einem roten Herzen mit kleinen Sternchen darin, hat er an den Türrahmen im Eingang des Restaurants geklebt. "Ist doch Blödsinn, vollkommen gegen die Spiele zu sein. Was bringt das denn?", sagt er. "Ich lebe in Lanzhou, und die Leute hier freuen sich über die Spiele. Sie freuen sich, wenn sie mein T-Shirt sehen. Warum also nicht?" Aber er kennt auch eine militantere Seite seines Volkes. "Ich selbst bin in Lanzhou aufgewachsen, aber ich habe genug Verwandte, die eine radikalere Einstellung haben als ich. Und ich weiß, dass es zu Hause in Xinjiang genug Leute gibt, die für die Freiheit der Provinz kämpfen würden."
Wie der 27-jährige Nudelkoch ist Yakub Azizi selbst gegen Gewalt. Auch von den Unabhängigkeitsbestrebungen mancher Uiguren hält er nicht viel. Einige haben sich zusammengeschlossen und suchen die Wiederherstellung der früheren ostturkestanischen Republik, die in den 40er-Jahren einmal existierte. "Das wird nie passieren, dazu ist Xinjiang zu wichtig für China und das chinesische Militär zu mächtig", glaubt Azizi. "Es lohnt sich nicht, alles durch Gewalt noch schlimmer zu machen."
Schon länger klagen Uiguren über Unterdrückung durch die Chinesen, die sich die Region nach der Gründung der Volksrepublik 1949 einverleibt hatten. Besonders nach den Anschlägen auf das World Trade Center in New York im Jahr 2001 war die chinesische Regierung vehement gegen mutmaßliche muslimische Terroristen in Xin jiang vorgegangen. Diverse Moscheen und Koranschulen wurden geschlossen, die Militärpräsenz erhöht. Trotz aller Spannungen glaubt der junge Mann nicht an einen großflächigen Gewaltausbruch. "Dazu sind die Uiguren nicht organisiert genug. Und ich hoffe, auch zu klug. Es ist so schon schwer genug."
Für die Bewohner von Lanzhou ist Peking zu weit entfernt und Xinjiang nicht nahe genug, um die Anschläge als konkrete Bedrohung zu empfinden. Wie viele Han-Chinesen in Lanzhou glaubt auch der 24-jährige Politikstudent Zhang Hai nicht, dass die Olympischen Spiele durch die Anschläge ernsthaft gefährdet waren. "Auf die Spiele wird das gar keinen Einfluss haben", ist er überzeugt. "Die Durchschlagskraft der regionalen Sicherheitskräfte und Militärs ist gewaltig. Sie haben alles unter Kontrolle."
Eine leise Unruhe ist aus den scheinbar zuversichtlichen Antworten der Han-chinesischen Bewohner von Lanzhou dennoch herauszuhören. Wie die Behörden sieht Zhang Hai die blutigen Zwischenfälle in Kashgar und Kuqa aber nicht direkt im Zusammenhang mit den Olympischen Spielen. "Es ist nicht das erste Mal, dass es in China Anschläge von Terroristen gibt", sagt er. "Die Olympischen Spiele bieten eine Angriffsfläche, aber die Ursachen liegen tiefer." Verstehen kann er die Gewalt nicht. "Ich weiß, die Uiguren sind anders als wir, sie sind ein eigenes Volk", sagt Zhang Hai. "Aber trotzdem gehören sie zu China", sagt der Chinese, die offizielle Haltung widerspiegelnd.