Sie habe sofort gespürt, dass etwas nicht stimmt, sagt Birgit S. (Namen aller Familienmitglieder geändert), wenn sie an den Tag vor wenigen Wochen zurückdenkt, an dem ihr Sohn Tom starb. Als sie mit ihrem Mann am Vormittag nach Hause kam, seien alle Türen und Fenster verschlossen gewesen. Bernd S. fand seinen Sohn dann im Obergeschoss. Der 25-Jährige hatte sich erhängt.

"Ich habe all die Jahre so viel geheult", versucht Birgit S. zu erklären, warum sie nicht sofort in Tränen ausbricht, wenn sie über den Tod ihres Sohnes spricht. Sie will reden, auch um andere Eltern zu sensibilisieren: "Niemand sollte erleben, was wir durchgemacht haben." Denn angefangen habe alles schleichend.

Tom ist ein freundlicher, fröhlicher Junge, der in der Schule gut mitkommt. Doch mit 13 Jahren beginnt er, sich zu verändern. Seine Eltern denken, das sei die Pubertät. Eines Tages stehen dann einige seiner Kumpel vor der Tür. "Einer von denen ist dreimal umgefallen, und da war auch ein komischer Geruch", erinnert sich Toms Mutter. Kurz darauf ist klar, dass auch ihr Sohn Haschisch raucht.

Bald komsumiert er auch andere Rauschmittel, vor allem das synthetische Aufputschmittel Crystal, das zunehmend in der Region verkauft wird. Die Eltern bringen ihn zum Entzug in ein Krankenhaus. Sie sorgen auch dafür, dass er danach eine andere Schule besucht. Doch Tom bleibt in seiner alten Clique.

"Er hat sich immer mehr verändert", schildert die 53-jährige Birgit S.. Mal sei Tom euphorisch gewesen, dann habe er wieder geweint. Er sei tagelang wach gewesen und habe dann tagelang geschlafen. Noch dreimal habe er eine stationäre Entgiftung absolviert, aber nie eine anschließende Therapie, um die Sucht zu überwinden. "Wenn er aus der Klinik zurückkam, fuhr er zu seinen Kumpels", erinnert sich die Mutter.

Die Familie lebt in einem einfachen Haus auf dem Dorf. Bis zur nächsten Kleinstadt ist es nicht weit. Drogen zu bekommen, sei für ihren Sohn nie ein Problem gewesen, versichert Toms Mutter. Wenn es in der einen Stadt nichts gab, fuhr er ein paar Kilometer weiter in die nächste. Und als Tom volljährig wurde, seien sie und ihr Mann ohnehin machtlos gewesen: "Vorher konnten wir ihn noch in die Klinik bringen." Jetzt lag es an Tom, ob er dahin ging.

Birgit S. erinnert sich, dass Tom ein Mal von selbst ins Krankenhaus lief. Er habe das Gefühl gehabt, dass er verfolgt würde. Doch da sei niemand gewesen. "Der war so in Panik, dass sechs Pfleger nötig waren, um ihn zu bändigen."

Von da an stand fest, dass Tom unter Wahnvorstellungen litt, ausgelöst oder verstärkt durch den Drogenkonsum. Zu Hause demolierte er sein Zimmer, riss Kabel aus der Wand, schlug Scheiben ein und suchte im Fernsehgerät nach versteckten Kameras.

Oberärztin Evelin Tippel vom Bereich Suchtmedizin der Asklepios-Klinik in Lübben kennt solche Fälle. "Von Drogen verursachte Psychosen sehen wir hier nicht selten", sagt sie. Oft sei das auch der Einweisungsgrund in die Klinik.

Etwa 40 Behandlungen wegen Abhängigkeit von illegalen Drogen gibt es jährlich in der Lübbener Psychiatrie-Klink, Tendenz steigend. Die meisten dieser Patienten seien sehr jung, die Rate der Therapieabbrecher und Rückfälligen höher als bei Alkohlkranken.

Dauerhaft von illegalen Drogen wegzukommen, so die Oberärztin, sei eine langwieriger Prozess: "Das dauert Jahre." Nach einer mehrwöchigen Entgiftung und körperlichen Stabilisierung sei eine monatelange Entwöhnungstherapie in einer darauf spezialisierten Einrichtung nötig.

Entscheidend dafür sei, dass die Patienten ihr bisheriges Leben als Sackgasse erkennen und damit brechen. "Die müssen einsehen, dass es für sie so nicht weitergeht", so die Psychiaterin Evelin Tippel. Doch nur etwa die Hälfte der Patienten ließe sich nach dem stationären Entzug auf die Anschlusstherapie ein. Tom gehörte nicht dazu.

Dass seine Eltern sich ohnmächtig und hilflos fühlten, kann die Suchtspezalistin gut verstehen. Angehörige von Drogenabhängigen sollten sich deshalb selbst fachliche Hilfe holen, empfiehlt sie.

Bei der Suchtberatung der Tannenhof gGmbH Cottbus/Spree-Neiße ist Grit Schemel dafür zuständig. Etwa ein Dutzend Eltern sucht pro Jahr bei ihr Hilfe. Viele kämen mit der Erwartung zu erfahren, was sie tun können. "Wenn ich Eltern volljähriger Kinder sage: nichts - dann ist das erst mal ein harter Schlag", so die Beraterin.

Die Eltern müssten lernen, dass sie nicht die Probleme ihrer Söhne und Töchter lösen können. "Solange Angehörige versuchen, für den Betroffenen alles zu regeln, wird der sich nicht ändern", erklärt Schemel die Folge solch falscher Hilfe. Unterstützung sei dann richtig, wenn es darum geht, den Weg aus der Sucht anzutreten.

Eltern fragten sich auch oft, was sie falsch gemacht hätten, doch die meisten Drogenkarrieren hätten nichts mit dem Elternhaus zu tun. Manchmal sei eine längere Haft durch Beschaffungskriminalität die Chance für den Absprung: "Einige bekommen es danach hin, ihr Leben wirklich neu zu ordnen."

Auch bei Tom S. stand manchmal die Polizei vor der Tür, doch in Haft kam er nicht. Er zog zu einem Kumpel, dann in eine Jugendwohneinrichtung, doch er kam immer wieder zu seinen Eltern zu Besuch. Die ließen ihn nie fallen. Sie hatten auch einen Termin bei einer Suchtberatungsstelle ausgemacht, doch Tom sei nicht mitgekommen. Vor etwa einem Jahr, erzählt seine Mutter, habe ihr Sohn angefangen über Selbstmordpläne zu sprechen. Sie vermutet, dass die Stimmen in seinem Kopf ihn sehr quälten und ihn das auf solche Gedanken brachte: "Irgendwann hat er keinen Ausweg mehr gesehen." Auf die Dealer ihres Sohnes, sagt Birgit S., habe sie jedoch eine Riesenwut.

Tom S. wurde in einem Urnengemeinschaftsgrab beigesetzt. Es ist der Ort, den sich auch seine Eltern als letzte Ruhestätte ausgesucht haben. "Egal, was er angestellt hat, für uns ist es immer unser Sohn geblieben", sagt Birgit S.. Ihr Mann nickt.

Zum Thema:
In Brandenburg und Sachsen gibt es verschiedene Beratungseinrichtungen für Suchtkranke und ihre Angehörigen. Eine Liste der sächsischen Einrichtungen ist auf der Homepage der sächsischen Landesstelle gegen die Suchtgefahren e.V. zu finden: www.slsev.deIm Süden Brandenburgs ist der Verein Tannenhof Berlin Brandenburg mit Beratungsangeboten in Cottbus, Forst und Lübben vertreten. Weitere Hilfsangebote anderer Träger sind über die Gesundheitsämter der Kommunen zu erfragen.Laut Statistik der Suchtkrankenhilfe Sachsen nahmen im vorigen Jahr rund 1360 Angehörige von Konsumenten illegaler Drogen eine Beratung in Anspruch. Diese Zahl ist seit Jahren annähernd konstant. Für Brandenburg liegen keine Vergleichszahlen vor.