Wo sich früher Fans des FC Energie bei Auswärtsspielen vor der großen Leinwand im Cottbuser Brauhaus drängten, hat Hubertus Heil ein Heimspiel. Vor vollem Saal, die meisten davon Parteifreunde, versucht der Generalsekretär einen Blick in „Das Neue Jahrzehnt“, so heißt die Kampagne. Deren Kernpunkte prangen in großen Lettern und Wiederholungen auf Stellwänden: Vertrauen, Werte, Arbeit, Familie, Gesellschaft, Fairness . . .

So begibt sich der 36-Jährige denn auch auf einen Parforceritt durch die deutsche Innenpolitik. „Wenn alle Welt über die Krise redet, müssen wir auch darüber reden“, bleibt der studierte Politikwissenschaftler aber erst einmal im Hier und Heute, stellt zugleich aber klar, dass „wir auch in Zukunft noch moderne Industrien brauchen“ – wozu „Energieproduktion und Energietechnik“ gehören.

Er sei für erneuerbare Energien, aber allein reiche das nicht. „Es ist richtig, weiter auf Braunkohle zu setzen“, arbeitet Heil sich zum Schwerpunkt Energie vor. Für dieses Bekenntnis bekommt er zwar Beifall, neben wenigen Worten zum Export moderner Energietechnik, zu Glühbirnen und später zur Atomstromerzeugung, deren strahlende Reste er nicht vor seiner Haustür in Niedersachsen eingelagert sehen will, erschöpft sich darin aber das Thema. Genauso wie sich die Regionalisierung der Kampagne darauf beschränkt, dass Lausitzer Sozialdemokraten ihrem Generalsekretär Probleme und Fragen mit auf den Weg in die Parteizentrale geben.




Vertrauen in Gefahr

Heil selbst wirbt angesichts der Wirtschafts- und Finanzkrise vielmehr um das Vertrauen der Bürger in die Demokratie und sieht dieses Vertrauen in Gefahr, „wenn wir nicht das Richtige tun“. Er wendet sich gegen Ausgrenzung jeglicher Art, „Ausgrenzung ist sozial ungerecht und wirtschaftlich problematisch“, kritisiert die föderalistische Bildungspolitik in Deutschland und plädiert dafür, Kommunen, Länder und Bund an einen Tisch zu holen. Als Bundestagsabgeordneter macht er zudem nachdrücklich klar, dass demokratische Politik Vorrang vor Märkten hat.

Prompte Antworten

Heil redet über seine Welt von morgen ohne Punkt und Komma, auch ohne Manuskript. Er verspricht sich kein einziges Mal – auch später nicht, als er auf Fragen aus dem Publikum eingeht. Die Antworten gleichen einer Mischung aus intelligenter Reaktion und rhetorisch professionell vorgetragenen, aber eben auch schon vielfach gehörten Elementen aus einer Art Baukasten zu allen möglichen Themen. Die Antworten kommen prompt. Heil kann sie abrufen, ohne lange überlegen zu müssen – weswegen die Antworten selbst aber nicht unüberlegt sind.

Der in Niedersachsen Geborene und Aufgewachsene studierte in Potsdam, wo er engere Kontakte zu Brandenburgs Sozialdemokraten knüpfte. 2005 wurde er dann vom damaligen Bundesvorsitzenden, dem brandenburgischen Ministerpräsidenten Matthias Platzeck, als Generalsekretär der Partei vorgeschlagen. Auf Plat zeck folgten erst Kurt Beck und dann Franz Müntefering als Parteichef. Heil blieb, was nicht selbstverständlich ist. Er profilierte sich, schlug sich wacker in vielen TV-Diskussionen, verteidigte dort sozialdemokratische Positionen. Er tat dies beredt und wortgewandt.

Auch in Cottbus gibt er mehr den Politikmanager und -verkäufer denn den Politiker. Heil kokettiert mit seinem Gewicht und hofft, noch nicht mit seinem Parteifreund Sigmar Gabriel, Bundesumweltminister und auch Niedersachse, verwechselt zu werden. Heil ist aber auch clever genug, zu dosieren und zu differenzieren. Und er macht vor allem das, was von ihm verlangt wird: „Werden Sie doch mal konkret! Nennen Sie mir drei Gründe, warum man SPD wählen sollte!“, fordert eine Cottbuser Gymnasiastin. Wo andere Satz ungetüme auftürmen oder das Parteiprogramm herunterbeten, antwortet Heil knapp: „Wir sind gegen Studiengebühren, für den Mindestlohn und für eine verantwortliche Außen- und Sicherheitspolitik.“ Er kenne zwar noch 100 andere Gründe, schiebt er nach, belässt es aber dann dabei.