Wenn es nicht besser wird, will Rene Czainski etwas unternehmen. „Dann werde ich vielleicht ein paar Flyer drucken und mich in Cottbus auf die Straße stellen“ , kündigt der schlanke, hochgewachsene Student mit dem akkurat ausrasierten kurzen Vollbart an. Denn seit die Unterschriften-Listen für die Unterstützung des 25-jährigen Einzelbewerbers im Cottbuser Rathaus ausliegen, haben sich nur wenige Wahlberechtigte eingetragen, die wollen, dass Czainski als Bewerber für den kommunalpolitischen Spitzenposten zugelassen wird. Doch der versichert, er meine es ernst: „Ich mache das nicht zum Spaß, ich will wirklich kandidieren.“
Sven Wagner, ein siebenunddreißigjähriger Cottbuser, steht vor dem selben Problem. Auch er will ohne Parteibuch kandidieren. Ein Motiv Wagners für seine Bewerbung scheint Verärgerung zu sein. Vor Jahren hatte er einen regionalen Existenzgründerwettbewerb gewonnen. Doch aus der Kunststoff-Recyclinganlage, die er in Guben errichten wollte, wurde nichts. Das nötige Geld fehlte. Heute lebt er von einer Einzelfirma in der Computerbranche.
Als Parteilose, hinter denen auch keine Bürgervereine stehen, haben beide jedoch kaum eine Chance, bei der Wahl eine Rolle zu spielen. Doch die einhundert nötigen Unterschriften für die Kandidatur wollen beide schaffen. Rene Czainski hofft auf Freunde und Bekannte in der Stadt und einige Cottbuser, die sich „etwas mehr Farbe“ in den Wahlkampf wünschen. Bis zum 14. September, Punkt zwölf Uhr, bleibt dafür Zeit.
Czainski fühlt sich seiner Geburtsstadt Cottbus verbunden, auch wenn er derzeit zwischen Burg im Spreewald und Jena hin- und herpendelt. In Burg wohnen seine Eltern, in Jena studiert er Politologie und Geschichte. Im nächsten Jahr will er seine Magisterarbeit schreiben. Wenn es die Zeit erlaubt, steht er beim SV Frauendorf im Tor. Er fährt Rad und läuft Marathon. In Paris trat er dabei in einem Shirt mit dem Wappen seiner Heimatstadt an. In Cottbus ist er aufgewachsen, hat sein Abitur abgelegt. Als Zivildienstler pflegte er den Branitzer Park.
Für Politik hat Czainski sich schon als Heranwachsender interessiert und irgendwann, sagt er, sei dann der Entschluss gereift, sich kommunalpolitisch einzumischen. Eigentlich wollte er sich damit noch etwas Zeit lassen. Die Abwahl der ehemaligen Oberbürgermeisterin Karin Rätzel am 2. Juli durchkreuzte jedoch seinen Zeitplan.

"Die würden mich ja auslachen"
Der angehende Politikwissenschaftler ist bekennender Fan des Brandenburger Ministerpräsidenten Matthias Platzeck (SPD). Am Rande einer Wahlkampfveranstaltung konnte Czainski mal kurz mit ihm reden. „Wenn man mit ihm spricht, da fühlt man sich irgendwie zu Hause“ , erinnert er sich und lobt Platzecks Bürgernähe. Doch in die SPD eintreten will er trotzdem nicht, obwohl er sich sozialdemokratischen Prinzipien nahe fühlt: „Ich will mich noch nicht festlegen.“ Und in einer festen politischen Struktur sich hocharbeiten, sich eine Hausmacht schaffen, das dauert ihm zu lange: „In einer Partei würden die mich ja auslachen, wenn ich jetzt komme und sage, ich möchte gern Oberbürgermeister in Cottbus werden.“
Sven Wagners Thema ist die Wirtschaft: „Der Mittelstand muss gestärkt werden. Die Politik geht zu wenig auf die Bürger ein.“ Viel mehr als diese zwei Sätze will er im Moment nicht sagen. Sein Wahlprogramm sei noch in Arbeit. Für einen Wahlkampf hat er ebenso wie Czainski kaum Geld: „Ich muss sehen, dass ich mit wenig auskomme. Mehr mit den Leuten reden als Plakate drucken.“
Dass unabhängige Seiteneinsteiger in der Kommunalpolitik mitmischen ist keine Seltenheit. „Da kommt auch ein Unbehagen mit den etablierten Parteien zum Ausdruck“ , sagt Professor Jürgen Dittberner, Politologe an der Uni Potsdam. Solche Kandidaten seien ein Korrektiv und Warnsignal, stellten das Parteiensystem an sich jedoch nicht infrage. Dittberner beschreibt zwei Taktiken, wie Parteien oft mit solchen Kandidaten umgehen: Man versucht ihre Themen aufzugreifen und selbst zu besetzen oder die Leute als ahnungslos vorzuführen.
Als entscheidend für Erfolg oder Misserfolg unabhängiger Kandidaten sieht Dittberner neben den von ihnen thematisierten Problemen ihre Bekanntheit: „Wenn man jemanden nicht kennt, hat er in einer größeren Stadt keine Chance.“ Ohne eine Organisation hinter sich, die einem hilft und unterstützt, halte das auch niemand lange durch.
Beispiele aus der Region belegen das. Als vor vier Jahren die kürzlich als Cottbuser Oberbürgermeisterin abgewählte Karin Rätzel als unabhängige Kandidatin antrat und den Sprung ins Rathaus schaffte, war sie vorher mehrere Jahre lang Finanzbeigeordnete gewesen. Jedem politisch interessierten Cottbuser war sie bekannt. Ein richtiger Seiteneinsteiger war vor Jahren Sven Pautz, der jetzt im Cottbuser Stadtrat sitzt. Doch er ist nicht allein. Pautz gehört zu den „Aktiven Unabhängigen Bürgern“ , die eine eigene Fraktion im Cottbuser Stadtrat stellen.
Bei Rene Czainski, der im Oktober als OB-Kandidat in Cottbus antreten will, mischen sich entwaffnende Offenheit und das Bewusstsein für die Erosion demokratischer Strukturen durch Wahlmüdigkeit und Parteienfrust mit einem Schuss charmanter Naivität. Dass er von kommunaler Verwaltung keine Ahnung hat, sieht er nicht als Hinderungsgrund: „Man muss sich in jeden Job einarbeiten.“ Er hat auch keine Angst, belächelt zu werden, weil er ohne eine Organisation im Rücken antreten will. „Vielleicht gelingt es mir ja, die Leute etwas aufzuwecken, ihnen klarzumachen, dass es wichtig ist, zu wählen“ , sagt der Student.

Gute Wahlbeteiligung als Legitimation
Schließlich sei der Ruf nach freien Wahlen eine wesentliche Triebkraft der Umwälzung 1989 gewesen. Das werde leider schon wieder vergessen. Czainski will das nicht tatenlos hinnehmen. Nur eine gute Wahlbeteiligung gebe einem OB auch eine ausreichende Legitimation durch die Bürger. Andererseits hätten viele Menschen inzwischen das Gefühl, die Politik gehe einfach an ihnen vorbei. „Man muss den Leuten wieder klarmachen, dass sie Cottbus sind und nicht der OB.“
Ein Wahlprogramm habe er noch nicht, sagt der Student, doch er zerbreche sich schon den Kopf darüber: „Schließlich sollen die Leute wissen, warum sie mich wählen oder warum gerade nicht. Auch das ist mir wichtig.“ Falls er es gar nicht bis auf den Wahlzettel schafft, wird sich seine Enttäuschung trotzdem in Grenzen halten. Wenn einige Leute durch ihn nachdenklich würden und deshalb überhaupt zur Wahl gingen, habe sich das schon gelohnt.

Zum Thema Vier Unabhängige kandidieren in Hoyerswerda
  Zur Oberbürgermeister-Wahl am 6. September in Hoyerswerda treten neben den Bewerbern eines Parteienbündnisses und der Linkspartei auch vier Einzelbewerber an.
Die vier Einzelkandidaten erreichten zwischen 118 und 135 gültige Stütz unterschriften. Ein Einzelkandidat gehört der CDU an, die ihn jedoch nicht unterstützt. Zwei kommen aus der Stadtverwaltung, einer ist als ehemaliger Friedensrichter bekannt.
Zwei unabhängige Bewerberinnen haben die nötigen einhundert Unterschriften nicht bekommen. Mit nur vier beziehungsweise 34 Unterstützern schafften sie es nicht, auf den Wahlzettel zu kommen.