Und aus den Medien in der Alpenrepublik, für die er bis zur Wahl am 1. Oktober noch der unumstrittene Favorit war, bläst ihm inzwischen ein eisiger Wind entgegen.
Schüssels Volkspartei, so die übereinstimmende Meinung, hat sich mit der Niederlage vom 1. Oktober noch nicht abgefunden. Doch die Chancen des 61-jährigen, doch noch aus eigener Kraft eine Koalition unter der Kanzlerschaft Wolfgang Schüssels bilden zu können, schwinden immer schneller. Selbst die kanzlertreue Wiener Zeitung "Die Presse" wagte den Schluss, Schüssel pokere dieses Mal "mit einem aussichtslosen Blatt". Dies aber schien den gerissenen Politiker bisher wenig zu stören.

Bewusste Provokation
Schon vor dem ersten Koalitionsgespräch mit seinem Kontrahenten Alfred Gusenbauer (SPÖ) meinte der ÖVP-Chef auf die Frage, welche Zugeständnisse die Volkspartei "den Roten" denn zu machen gedenke: "Das größte Zugeständnis an die SPÖ ist, dass wir überhaupt mit ihr verhandeln." Auch bei den bisherigen Verhandlungen bewies der Berufspolitiker allenthalben Missachtung für den potenziellen, ungeliebten Koalitionspartner. So nahm er bewusst Politiker wie den Parteilosen Finanzminister Karl-Heinz Grasser oder Bildungsministerin Elisabeth Gehrer in sein Verhandlungsteam auf, die für die andere Seite als "Rotes Tuch" galten. Dass es unter diesen Umständen bei den bisherigen Gesprächen keine wirklichen Fortschritte gab, überrascht Beo bachter deshalb nicht.
Doch die Absichten des sonst als "großer Schweiger" bekannten Kanzlers liegen selbst für langjährige österreichische Beobachter im Dunkeln. Eine eigene, überlebensfähige Koalition unter seiner Führung kann Schüssel selbst mit den beiden Rechtsparteien FPÖ und BZÖ nicht zusammenzimmern. Nach seinen politischen Winkelzügen bei der Regierungsbildung von 1999, als er wider alle Versprechungen hinter dem Rücken der Öffentlichkeit eine Koalition mit den rechten "Freiheitlichen" aushandelte, gilt er als "politischer Trickser", dem selbst die Öffentlichkeit mehrheitlich nicht unbedingt vertraut.
Angesichts dieser politisch schwierigen Lage stieß der rigorose Abbruch der Koalitionsverhandlungen vielfach auf Verwunderung. Denn nach allen Umfragen dürfte die ÖVP noch weiter abrutschen, wenn es durch ihre Verweigerungshaltung zu Neuwahlen kommen sollte. "In diesem Fall dürfte die Volkspartei vom Wähler abgestraft werden" meinten gestern österreichische Politologen. "Ich würde meiner Partei dringend von Neuwahlen abraten", warnte deshalb der Tiroler ÖVP-Landeshauptmann Herwig van Staa: "Ich orte bei der ÖVP nur Risiko und keinen Vorteil."

Politische Pokerspiele
Angesichts dieser Ausgangslage, so wagte sich sogar der Kommentator der "Presse" vor, wäre es vielleicht sinnvoll, Wolfgang Schüssel zumindest vorläufig aus dem politischen Verkehr zu ziehen. Schüssel "scheint heute die Früchte zahlreicher politischer Pokerspiele zu ernten, bei denen er zum Missvergnügen seiner jeweiligen Partner jeweils ein paar Asse mehr im Ärmel zu haben schien", meinte das Blatt. "Vielleicht wäre es für ihn an der Zeit, den grünen Tisch zumindest zeitweilig zu räumen und seinen Platz Parteifreunden zu überlassen, die bei den Mitspielern zur Linken wie zur Rechten ein wenig mehr Vertrauen genießen."