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| 17:41 Uhr

OECD warnt: Deutschland verblödet

Berlin.. Die Mahnung der OECD-Wirtschaftsexperten aus Paris an die deutsche Bildungspolitik ist eindringlich: Vor 50 Jahren sei es noch möglich gewesen, Bildung und Arbeitsmarkt in einer Gesellschaft aufzuteilen – zwischen wenigen Wissenden und vielen, die für diese Wissenden arbeiten. Aber heute sei gute Bildung für alle das „wertvollste Kapital“, um im globalisiertem Wettbewerb mitzuhalten. dpa/nm

Die meisten der 30 in der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) zusammengeschlossen Industriestaaten haben das längst erkannt und Schulen, Hochschulen und Weiterbildung in einem dramatischen Tempo ausgebaut. Doch in Deutschland lösten die Mahnungen im jährlichen OECD-Bildungsbericht bisher bei den Bundesländer meist nur Verärgerung und Widerspruch aus.



Doch auch im deutschen Bildungssystem mit seinen im weltweiten Vergleich spärlichen Abiturienten- und Studentenzahlen, dem immer wertloseren Hauptschulabschluss und den geringen Aufstiegsmöglichkeiten zwischen den Schulformen muss man umdenken. Der bereits spürbare Fachkräftemangel bei Ingenieuren, Lehrern, Ärzten und anderen akademisch ausgebildeten Fachkräften setzt die deutsche Bildungspolitik zunehmend unter Handlungsdruck.

Zudem macht die OECD die nahezu nur noch in Deutschland übliche frühe Aufteilung von Zehnjährigen auf verschiedene Schulformen mitverantwortlich für die fehlende Chancengleichheit von Arbeiter-und Migrantenkindern. In keinem anderen Industriestaat ist die Abhängigkeit von sozialer Herkunft und Bildungserfolg so groß wie in Deutschland. Die Wirtschaftsexperten sprechen dabei von „ungenutzten Begabungsreserven“.

Als „verblüffend“ und „besorgniserregend“ bezeichnete es der Pariser OECD-Generalsekretär Angel Gurría, dass in Deutschland nur 21 Prozent der 15-Jährigen für sich ein Studium überhaupt in Betracht ziehen. Im OECD-Schnitt sind dies 57 Prozent. Auch gute Hauptschüler sehen für sich kaum Studienperspektiven. Und selbst viele Gymnasiasten zeigen wenig Neigung, an die Uni zu gehen. Ein großer Teil der Jugendlichen in Deutschland ist offenbar in der Wissensgesellschaft noch nicht angekommen.

Die Bundesregierung hat vor knapp vier Wochen in Meseberg eine „Nationale Qualifizierungsoffensive“ gegen den Fachkräftemangel beschlossen. Mit dem neuen OECD-Bericht hat Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) für ihre Verhandlungen mit den Bundesländern weitere Munition an der Hand.

So stieg zwischen 1995 und 2005 die Studentenzahl in Deutschland gerade mal um fünf Prozent – im Schnitt der OECD-Staaten aber um 41 Prozent. Doch die Studienanfängerzahlen an deutschen Hochschulen sind bereits wieder im dritten Jahr in Folge rückläufig. Immer fraglicher wird, ob die Länder die vom Bund im Hochschulpakt angebotenen Gelder für zusätzliche Studienplätze überhaupt ausreichend nutzen wollen.

Mit feiner Ironie erinnerte Gurría bei der Präsentation der Studie daran, dass Schavan bis vor wenigen Jahren als Kultusministerin von Baden-Württemberg noch auf der anderen Seite des Verhandlungstisches saß. Doch mit dem neuen Amt in Berlin hat Schavan auch ihre neuen Aufgaben erkannt. In den Ländern will sie jetzt auf das Ausbau- und Reformtempo drücken – trotz ihrer nach der Föderalismusreform arg geschrumpften Bundeskompetenzen.