| 02:43 Uhr

OECD erwartet Flüchtlings-Rekord und mahnt zu mehr Integration

Paris/Berlin. Zu Hunderttausenden fliehen Schutzsuchende nach Deutschland und Europa. Ein Ende der Flüchtlingskrise ist nach Einschätzung der OECD nicht in Sicht. Für die EU-Staaten sei die Lage aber gut zu bewältigen – mit den richtigen Strategien. dpa/sm

Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) rechnet auf längere Sicht mit hohen Flüchtlingszahlen. "Die Situation wird auf absehbare Zeit sehr angespannt bleiben", sagte der OECD-Migrationsexperte Thomas Liebig am Dienstag in Berlin bei der Vorstellung eines neuen Migrationsberichts und einer Studie zur Flüchtlingskrise.

2015 werde bei der Asylmigration ein Rekordjahr - nicht nur für Deutschland, sondern auch für Europa und die OECD-Staaten. Eine Überforderung sieht die OECD - ein Zusammenschluss wichtiger Industriestaaten - darin nicht, sondern eher auch Chancen. Voraussetzung sei aber eine verstärkte Integration.

Besonderheit der aktuellen Lage ist laut OECD die Vielzahl von parallelen Krisen - mit geringen Aussichten auf Besserung. Außerdem gebe es einen hohen Migrationsdruck in einer Reihe von Herkunftsländern. So geben in Nigeria 44 Prozent der über 15-Jährigen an, dauerhaft auswandern zu wollen. In Albanien sind es 39, im Senegal 37 und in Syrien 31 Prozent. In fast allen diesen Ländern nennen die Menschen mindestens ein EU-Land unter den ersten drei ihrer bevorzugten Ziele.

Viele Menschen warten laut OECD auch außerhalb ihrer Heimat auf eine Weiterreise. So lebten etwa zwei Millionen syrische Flüchtlinge in der Türkei. Dort warteten zudem rund 300 000 Menschen aus Afghanistan, dem Irak und Pakistan auf einen Weg in die EU. Mehr als 1,1 Millionen Syrer seien im Libanon.

In Deutschland werden bis zum Jahresende nach offiziellen Schätzungen mindestens 800 000 Asylbewerber erwartet. Das wäre die höchste Zahl in der Geschichte der Bundesrepublik - und laut OECD auch der höchste Wert, der je in einem ihrer Mitgliedstaaten registriert wurde. Vermutlich würden 300 000 bis 350 000 dieser Menschen auf Dauer in Deutschland aufgenommen, sagte Liebig. In Europa werde im laufenden Jahr mit mindestens einer Million Asylbewerbern gerechnet. 450 000 davon bekämen wohl einen Flüchtlingsstatus, sagte Liebig. Sowohl in Deutschland als auch in Europa könnten die Flüchtlingszahlen aber noch nach oben gehen.

Der Zuzug konzentriere sich sehr stark auf wenige Länder. Deutschland ist in der EU das Hauptziel für Flüchtlinge. Auf die Einwohnerzahl umgerechnet hätten allerdings Ungarn, Österreich und Schweden die meisten Asylanträge zu verzeichnen.

OECD-Generalsekretär Ángel Gurría verwies in Paris auf die Verantwortung der EU-Länder. Europäische Führungsebenen müssten sich der Herausforderung stellen, "damit Europa als Ganzes dabei stärker wird - ökonomisch, sozial und politisch".

Laut OECD hat Europa seit Ende des Zweiten Weltkriegs Migrationsbewegungen "erfolgreich bewältigt". In vielen Fällen hätten die Länder von Migration mindestens auf lange Sicht wirtschaftlich profitiert. "Europa hat die Erfahrung und die Fähigkeit zu reagieren", mahnte Gurría.

Die große Zahl von Flüchtlingen sei überwältigend. Klar sei aber auch: "Sie werden ankommen. Deswegen geht es um Integration, Integration, Integration." Programme dafür müssten ausgeweitet werden. Je früher Flüchtlinge Zugang zum Arbeitsmarkt bekämen, umso schneller und besser laufe die Integration. Nach OECD-Angaben dauerte es in der Vergangenheit in den europäischen Ländern im Schnitt fünf bis sechs Jahre, bis die Mehrheit der Flüchtlinge einen Job fand.

Liebig mahnte, es sei wichtig, möglichst schnell nach ihrer Ankunft mit Sprachkursen und Integrationsangeboten zu beginnen. Außerdem riet der Migrationsexperte dringend dazu, Flüchtlinge in Regionen mit guten Jobaussichten anzusiedeln - und nicht dort, wo günstiger Wohnraum zur Verfügung stehe.