ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 02:48 Uhr

Oberlausitz soll Pilotprojekt für die ländliche Entwicklung werden

Der Waggonbau ist am Tagungsort Niesky eine der wenigen größeren Firmen. Eigentümer Deutsche Bahn will das Werk aber verkaufen.
Der Waggonbau ist am Tagungsort Niesky eine der wenigen größeren Firmen. Eigentümer Deutsche Bahn will das Werk aber verkaufen. FOTO: dpa
Niesky. Geplante Provokation: Mit dem Titel "Vergessene Region Lausitz?!" haben die DGB-Bezirke Sachsen und Berlin-Brandenburg bewusst eine Diskussion um die Zukunft der Region lostreten wollen. Während ihrer Lausitzkonferenz in Niesky ist ihnen das gestern gelungen. Der Tenor des Treffens: Wirtschaftlich muss die Lausitz weg vom Billig-Image. Sascha Klein

Augen zu und an die Lausitz denken, fordert Markus Schlimbach die Gäste der Podiumsdiskussion am Donnerstagnachmittag im Bürgerhaus Niesky (Kreis Görlitz) auf. Was die ostsächsischen Kommunalpolitiker dabei vor Augen haben, bleibt ein Geheimnis. Das ist auch nicht wichtig, denn: Sachsens stellvertretender DGB-Bezirkschef nutzt die Chance, um ein halbvolles Glas Wasser in die Luft zu halten. Oder ist es halbleer? Augen auf: Ist das Glas für die Lausitz halbvoll oder halbleer, 24 Jahre nach der Deutschen Einheit? Das Ergebnis ist einerseits deutlich, andererseits auch wenig überraschend - das Glas ist halbvoll. Niemand im Saal hat die Lausitz abgeschrieben und zur vergessenen Region in Brandenburg und Sachsen erklärt. "Ist doch klar, ich lebe hier", sagt Kathrin Kagelmann aus Niesky, die für die Linke im sächsischen Landtag sitzt. Alle Diskutanten stellen fest: Die Lausitz - zwischen Spreewald und Zittauer Gebirge - muss klar im Fokus der beiden Länder und ihrer Verantwortlichen bleiben.

Muss die Lausitz aber auch geheilt werden? Geheilt wahrscheinlich nicht, aber befreit von einem Image, das viele Investoren aus dem Rest der Republik zwischen 1990 und dem heutigen Tag vorfinden. Die Lausitz wirbt mit niedrigen Löhnen und damit geringen Produktionskosten. Genau von diesem Billig-Image sollte die Region wegkommen. Das rät Iris Gleicke, Parlamentarische Staatssekretärin im Bundeswirtschaftsministerium und Beauftragte der Bundesregierung für die Neuen Bundesländer. "Der Niedriglohn in Ostdeutschland ist inzwischen zu einem Standortnachteil geworden", sagt Gleicke vor rund 200 Gästen in Niesky. Im Vergleich zu Berlin, Dresden und anderen Ballungsräumen würde sich die Lausitz mit Billig-Angeboten keinen Gefallen tun. Zustimmung erhält die Ost-Beauftragte dabei von den Gewerkschaften. Stephan Hennig, 1. Bevollmächtigter der IG Metall in Bautzen, betont: "Wir brauchen Jobs mit besseren Löhnen, damit wir die zurückholen, die montags ihr Auto auf die Pendlerparkplätze an der A4 stellen und freitags wieder nach Hause kommen."

Für die Zukunft würde auch Lausitzer Betrieben nichts anderes übrig bleiben, als für gute Mitarbeiter tiefer als bisher in die Tasche zu greifen, sagt Joachim Ragnitz vom Dresdner ifo-Institut. Er hat die Zukunftschancen der Lausitz analysiert und kommt zu dem Schluss: Sie ist nicht schlechter aufgestellt als vergleichbare andere Regionen in Ostdeutschland. Zudem sei der große Branchenmix - gerade wegen der starken Kohle- und Energiewirtschaft in den Kreisen Spree-Neiße und Görlitz - ein Vorteil für die Lausitz. Auch ist der Industrieanteil trotz des Aderlasses in den 1990er-Jahren relativ hoch. Nachteil seien aber die oft geringen Betriebsgrößen und die Dominanz von wenigen Großbetrieben.

Um gut ausgebildete Facharbeiter für die Lausitz zu begeistern, braucht es laut Joachim Ragnitz jedoch nicht nur Geld. Immer wichtiger werden auch Fragen nach Kinderbetreuung, Arbeitssituation und flexiblen Arbeitszeiten. Wer da gute Konzepte hat, könne Fachleute eher für die Lausitz begeistern. Eine weitere Schlüsselfrage für die Lausitz sei, wie auch kleinere Unternehmen innovativ und modern werden oder bleiben können. "Das muss ein strategischer Punkt in der Politik sein", so Christian Hoßbach, stellvertretender DGB-Vorsitzender für Berlin und Brandenburg. Den Betrieben müsse geholfen werden, funktionierende Netzwerke mit Hochschulen und Universitäten aufzubauen, um von Innovationen profitieren zu können.

Auf die Lausitz kommt laut der Dresdner ifo-Forscher jedoch noch eine Herausforderung zu, auf die sie möglichst schnell reagieren muss: den Bevölkerungsrückgang und die stark fallende Zahl von Erwerbstätigen bis zum Jahr 2030. Laut ifo verliert die Lausitz in 16 Jahren etwa 40 Prozent Erwerbstätige. Das bedeutet: Die Jugendlichen, die jetzt und in den kommenden Jahren auf Ausbildungssuche in der Region sind, sind in zehn Jahren für den Fortbestand vieler Unternehmen zwischen Herzberg und Bad Muskau fast unverzichtbar.

"Die Wirtschaft darf nicht mehr auf Bewerber warten", so Ost-Beauftragte Iris Gleicke. "Wer mir vom Fachkräftemangel singt, soll sich die Leute vor Ort ansehen." Firmen müssten davon wegkommen, nur auf die Noten zu schauen. Jugendliche würden sich in der Lehre oftmals noch entwickeln. Steffen Kammradt, Geschäftsführer der Zukunftsagentur Brandenburg (ZAB), hat jedoch noch ein anderes Phänomen ausgemacht, weshalb junge Leute in den Westen abwandern: Manche Jugendlichen glaubten, dass sie in ihrer direkten Umgebung keine Stelle bekommen, weil sie die Wirtschaftsstruktur gar nicht kennen. "Jedes Landeskind, das uns verlässt, muss uns weh tun, wenn wir es nicht informiert haben", so Kammradt.

Ein Positiv-Beispiel für die Lausitz kann der Landkreis Görlitz beisteuern. Dort erhalten Neuntklässler während ihrer beruflichen Orientierung einen Katalog mit Berufen im eigenen Umfeld. "Dort finden die Jugendlichen eine Vorstellung bis zum kleinsten Handwerker", sagt der Görlitzer Landrat Bernd Lange (CDU).

Arbeitgeber sollten, rät Iris Gleicke, in Zukunft auch mehr auf Mädchen und junge Frauen setzen. Sie dürften nicht nur auf die klischeebehafteten Berufe wie Köchin und Verkäuferin reduziert werden.