Nach den Ausschreitungen vom Sonnabend war einhelliges Entsetzen zu hören in Leipzigs Politik. „Ein bitterer Abend mit Gewalt und verletzten Polizisten“, twitterte der Landtagsabgeordnete Holger Mann. Sein Fraktionschef Dirk Panter schrieb im selben Netzwerk, die „Übergriffe auf Polizisten und Journalisten verurteile ich ausdrücklich“. Die Bundestagsabgeordnete Daniela Kolbe, auch Leipzigerin, sprach von „sinnloser Gewalt gegen Menschen und Sachen“. Selbst der Konsum bei ihr um die Ecke sei angegriffen worden, so Kolbe. „Ist den Angreifern klar, dass das ne Genossenschaft ist?“ Alle drei Politiker sind von der SPD. Die will am bei der OB-Wahl am kommenden Sonntag die Stadt verteidigen.

Leipzig wird seit 30 Jahren von Sozialdemokraten regiert. Für die Partei, die sonst in Bund und Land schwächelt, ist die 600 000-Einwohner-Metropole bisher eine sichere Bastion. Aber das kann der 25. Januar verändert haben.

Zerkloppte Autos und Bengalos

Eine angekündigte Demonstration der linken Szene wurde am vergangenen Sonnabend zu einer Gewaltorgie. Anlass war der Protest gegen das drohende Verbot der Plattform „linksunten.indymedia“ – einer Internetplattform, die quasi die Truppenpostille der Antifa ist. Das nahmen autonome Gruppen aus ganz Deutschland zum Anlass, nach Leipzig zu kommen. 500 Demonstranten waren angemeldet – gekommen sind schließlich drei Mal so viele.

Was friedlich los ging, eskalierte binnen kurzer Zeit. Schließlich flogen Pflastersteine und Bengalos. Reihenweise wurden Autos zerkloppt. 15 Polizisten trugen Verletzungen davon. Die Bilder in den Abendnachrichten waren eindeutig: Hier haben ein paar Vermummte ihre Zerstörungswut ausgelebt.

Tage wie diesen hat Leipzig schon viele erlebt. Doch diesmal geschah etwas Neues: Friedliche Demo-Teilnehmer setzten sich von den Randalierern ab. Mit der Gewalt, die sich da Bahn brach, wollten sie nichts zu tun haben. Die Protest-Gemeinde teilte sich in zwei. Und das ist ein bedeutender Fakt für die anstehende Wahl.

Jung: „Gegen alles, wofür wir eintreten“

Leipzig ist eine Großstadt mit linker Mehrheit. Aber wie weit links, das wird die entscheidende Frage bei dieser Wahl. Die Ereignisse vom Sonnabend können die Grundstimmung der Stadt mehr Richtung Ordnungspolitik schieben. Das weiß auch der Oberbürgermeister. Der kommentierte die Demonstration und ihre Auswüchse mit größtmöglicher Abgrenzung: „Was geht in Menschen vor, die so hassen?“, fragte Burkhard Jung in die Netzgemeinde. „Sie wüten gegen alles, alles für das wir täglich eintreten.“

Jung sitzt eigentlich recht sicher im Sattel. Eine Umfrage im Auftrag der Leipziger Volkszeitung sah den 61-jährigen SPD-Mann noch vor zwei Wochen mit 35 Prozent weit vorn. Sein Herausforderer von der CDU, Sebastian Gemkow, war dagegen mit 20 Prozent weit abgeschlagen. Die Kandidatinnen von Linken und Grünen rangieren bei jewiels 14 Prozent. Keiner da, der dem aus Siegen stammenden Sozialdemokraten im Leipziger Rathaus gefährlich werden könnte.

Größtmögliche Distanzierung

Aber das war vor den neuesten Ausschreitungen. Die dürften nun das Thema Sicherheit in den Vordergrund tragen – und das ist die Domäne der CDU. Die hat von Dresden aus schon ihre Marken gesetzt mit einem Maßnahmenplan gegen Linksextremismus und einer Soko „LinX“. Als sich an Silvester im Connewitz Feiernde Straßenschlachten mit der Polizei lieferten, sprach Innenminister Roland Wöller (CDU) von einer „von Linksextremisten bewusst provozierte Auseinandersetzung“. Man werde die Straftaten „mit aller Härte des Rechtsstaats verfolgen“.

Der CDU-Kandidat Gemkow dagegen spielt im Wahlkampf eher sanfte Töne. Er tritt als freundlicher Familienmensch auf. Der 41-jährige Wissenschaftsminister hat das Zeug, ein Lager von links bis bürgerlich hinter sich zu versammeln.

Nach dem Schock dieses Wochenendes sind die Karten im Wahlkampf neu gemischt. Sogar die Linke bemühte sich um Distanzierung von den Ereignissen.