(dpa/lsc) In der Elbestadt, die als „Wiege Sachsens“ und Domizil des Porzellans mit den „Blauen Schwertern“ berühmt ist, rumort es seit Wochen. In der Anonymität des Internets tobt eine „Schlammschlacht“ um die Spitzenposition im Rathaus.

Kontinuität oder Wechsel. Seit der von der CDU unterstützte parteilose Amtsinhaber Olaf Raschke vor knapp zwei Wochen überraschend dem populären früheren Bürgerrechtler Frank Richter im ersten Wahlgang unterlag, geht es zuweilen unter die Gürtellinie. Raschke zeigt sich entsetzt über die Polarisierung in seiner Stadt, von den Attacken auf seine Unterstützer und die Zustände im Stadtrat. In einem Facebook-Post mahnt er, „fair zu bleiben und einander mit Respekt und Anstand zu begegnen“.

Obwohl er „ein Oberbürgermeister für alle“ bleiben will, macht er sich rar. „Er kämpft nicht“, wundert sich eine Meißnerin auf dem Markt. Seit 2004 im Amt, war der 55-Jährige vor sieben Jahren deutlich mit 81,1 Prozent wiedergewählt worden. Nun unterlag er am 9. September mit 32,5 Prozent Richter, der 36,7 Prozent bekam. Keiner der fünf Kandidaten erreichte im ersten Anlauf die Mehrheit, deshalb müssen die Wähler an diesem Sonntag nochmal an die Urnen – allerdings haben zwei der Kandidaten schon zurückgezogen.

„Die Stadt hat sich politisiert“, freut sich der Kandidat der Bürgerinitiative „Meißen kann mehr“, der von SPD, Grünen und Linke unterstützt wird. Erstmals seit fast 30 Jahren gebe es wieder kontroverse politische Debatten. „Das hat der Stadt gut getan, aber nicht nur an den Rändern wurde scharf geschossen.“

Bauunternehmer Ingolf Brumm spricht von „Hauen und Stechen“ im Stadtrat, zerstrittenen Abgeordneten und Jahrzehnte altem Filz. „Die dicke Luft ist noch dicker, der Riss geht auch quer durch Familien, Betriebe, Sportvereine.“ Er ist seit den Anschlägen 2015 auf eines seiner Häuser, das er als Flüchtlingsunterkunft ausgebaut hatte, enttäuscht. „Es gab damals bis auf wenige Ausnahmen keine Reaktion von der Politik.“ Auch der OB habe sich weggeduckt – und zugelassen, dass die Angstmache der Rechten auf fruchtbaren Boden falle.

Brückenbauer Richter, sogar in Meißen geboren, soll die Gräben überwinden und das Potenzial der Stadt heben helfen. „Meißen hat Veränderung dringend nötig“, sagt der 58-Jährige, der im Dresdner Wendeherbst 1989 die „Gruppe der 20“ gründete, die mit den SED-Oberen verhandelte. Richter sieht eine Art Aufbruchstimmung, die genutzt werden wolle.

Die Kritiker werfen Raschke Intransparenz, Fehlentscheidungen, Konzeptlosigkeit vor und Unvermögen, für Zusammenhalt und Ausgleich zu sorgen. CDU-Stadtchefin Bianca Wunderwald hält Verdienste dagegen: Verschuldung eingedämmt und in die Zukunft investiert für Schulen, Kitas, Infrastruktur. „Das gerät in Vergessenheit.“ Der vor allem im Netz „hässliche“ Wahlkampf, Entgleisungen aus Unzufriedenheit, beschädigten den Ruf der Stadt und das Klima.

Die Stadt sei nicht gespaltener als die ganze sächsische und deutsche Öffentlichkeit, sagt Ex-Bundesinnenminister und Meißner Bundestagsabgeordneter Thomas de Maizière (CDU). Meißen habe gute Schulen, ein Kulturangebot, „nach dem sich vergleichbare Städte die Finger lecken würden“, die Verschuldung im Griff, Zuzug, eine erstklassige Lage, einen guten Ruf. Nach dem Anschlag 2015 sei selbst die Verwaltung aus der Lethargie erwacht, die Stadt habe das Problem Rechtsextreme gemeistert.

Der Theologe Richter will die Bürger ermutigen, das Wohl der Stadt als eigene Angelegenheit zu betrachten und die politische Apathie beenden. Als langjähriger Direktor der Landeszentrale für politische Bildung hat er auch Verwaltungserfahrung. „Es braucht jemanden, der als erster Bürger die Stadtgesellschaft inspiriert.“ Die Aufgaben in der knapp 28 000 Einwohner-Kommune mit 6,3 Prozent Arbeitslosenquote sind groß: Wiederbelebung der Innenstadt, Einzelhandel schaffen und halten, stabile Finanzen und die Entlastung vom Lkw-Verkehr.