Der Krieg in Afghanistan entbrennt neu: Die Kämpfe werden zunehmen, ebenso das Blutvergießen und die Zahl der Opfer. An dieser Perspektive für die nahe Zukunft gibt es kaum mehr einen Zweifel. Die USA und Großbritannien verstärken ihre Truppen in Afghanistan, die bisher zersplitterten Taliban-Kämpfer in Afghanistan und Pakistan rüsten einem Bericht der „New York Times“ zufolge zur Gegenoffensive.

US-Präsident Barack Obama lässt keinen Zweifel daran, dass er den „asymmetrischen“ Krieg gegen Al Qaida und Taliban unbedingt gewinnen will. „Wir werden euch besiegen“, betonte er am Freitag bei der Vorstellung seiner neuen, „stärkeren, klügeren und umfassenderen Strategie“ für Afghanistan und Pakistan. Aber viele Experten in den USA fürchten, dass Afghanistan zum „Vietnam Obamas“ werden könnte. Schon in Vietnam hatte ein anderer charismatischer Präsident den Kurs zu einem verheerenden US-Militäreinsatz festgelegt, nämlich John F. Kennedy.

Auf Europäer gehört

Dabei hat Obama durchaus auf den Rat der Europäer gehört. Er sprach vom „dramatischen Anstieg unserer zivilen Bemühungen“. Um das Land im Inneren zu stabilisieren, sollen mehr Ausbilder für die Sicherheitskräfte, mehr Experten für Justiz, Verwaltung und Wirtschaft ins Land geschickt werden. Aber all diese Bemühungen können nicht darüber hinweg täuschen, dass mit der wachsenden Zahl von alliierten Kampftruppen in Afghanistan und angesichts der von allen eingestandenen neuen Stärke von Taliban und Al Qaida blutige Zeiten absehbar sind.

Obama sucht Afghanistan und Pakistan mit einer Doppelstrategie zu stabilisieren. Den Kämpfern von Taliban und Al Qaida will Obama die Zähne zeigen – und mit viel Geld und vielen neuen Ausbildern sollen die Sicherheitskräfte beider Länder sowie die zivilen Strukturen in Afghanistan gestärkt werden. Zudem fordert Obama die Führung in Kabul auf, endlich gegen die weit verbreitete Korruption vorzugehen, Pakistan müsse zudem Ernst machen im Kampf gegen die Ex tremisten im Grenzgebiet. Das sind vor allem erst einmal Wünsche.

Obama bat die Amerikaner um Verständnis für den notwendigen Aufwand an neuen Truppen und mehr Geld. Aber der US-Präsident weiß um die wachsende Kritik an dem US-Engagement in Afghanistan, wo schon manch andere Großmächte kläglich scheiterten.

Inzwischen seien die alliierten Truppen seit 2002 von 20 000 auf insgesamt 100 000 Mann erhöht worden, sagte Prof. Gilles Dorronsoro von der angesehenen „Carnegie Stiftung für internationalen Frieden“ in Washington. Es handele sich jetzt um die fünfte oder sechste Truppenaufstockung, „und alle endeten im Desaster“, so der Asienexperte. Wer wirklich mit den Aufständischen fertig werden wolle, müsse weitere 100 000 oder 200 000 Mann nach Afghanistan schicken.

Verbündete atmen auf

Von seiner kürzlich geäußerten Ankündigung, gegebenenfalls mit den „moderaten“ Taliban verhandeln zu wollen, war am Freitag nichts zu hören. Zumindest die Nato-Verbündeten dürfen eine Woche vor dem Gipfeltreffen in Straßburg und Kehl aufatmen. Obama will von ihnen kaum neue Kampftruppen für Afghanistan, lediglich mehr Geld und Ausbilder.