M edwedew will aber mit dem Treffen an historischem Ort einmal mehr zeigen, dass sein Land trotz vieler Widerstände im Inneren zur Veränderung und Partnerschaft mit dem Westen auf Augenhöhe bereit ist. 20 Jahre ist es her, dass der damalige Sowjetpräsident und Friedensnobelpreisträger Michail Gorbatschow mit seinem US-Kollegen George Bush die Vernichtung von Atomsprengköpfen auf den Weg brachte. Nun wollen Medwedew und Obama daran anknüpfen. Nach langem Ringen einigten sich die Präsidenten der beiden größten Atommächte Ende März auf ein Nachfolgeabkommen für den Start-I-Vertrag zur Reduzierung strategischer Offensivwaffen von 1991. Ob das neue Papier nach dem Prager Treffen am heutigen Donnerstag auch wirklich in Kraft tritt, hängt aber von den Parlamenten ab. Bei Start-I dauerte dies bis 1994. Die von kremltreuen Kräften dominierte Staatsduma will den Vertrag zwar bis Jahresende absegnen. Doch warnt Außenminister Sergej Lawrow schon jetzt, dass Moskau jederzeit aus dem Abkommen aussteigen könne. Reizthema bleiben nämlich die US-Raketenabwehrpläne vor Russlands Toren. Moskau hatte im Zuge früherer Proteste gegen diese US-Anlagen zur Terror-Abwehr auch schon den Vertrag über Konventionelle Streitkräfte in Europa (KSE) auf Eis gelegt. In dem Obama/Medwedew-Vertrag pocht der Kreml darauf, Moskaus Sicherheitsinteressen zu berücksichtigen. Das Obama/Medwedew-Papier sei ein "Kompromiss" und das erste konkrete Ergebnis des angekündigten "Resets", des Neustarts in den russisch-amerikanischen Beziehungen, meinen Kommentatoren in Moskau. Militärexperten warnen aber davor, die geplante Reduzierung der Atomwaffen auf je 1550 Sprengköpfe und der Trägersysteme auf je 800 überzubewerten. Da etwa die Unmengen an ausgelagerten Sprengköpfen in den USA nicht gezählt würden, könne kaum von einem Abbau von mehr als 30 Prozent der Arsenale insgesamt gesprochen werden, erklärte der Moskauer Militärexperte Alexander Golz. Russland habe lediglich bei den Trägersystemen für Atomwaffen noch Spielraum. Während die USA von ihren derzeit 1188 runterkommen müssten, könne Russland bei seinen 608 jetzt sogar noch zulegen. Auch westliche Diplomaten in Moskau hatten die Ergebnisse insgesamt als "nicht weltbewegend" bewertet. Sie seien vor allem ein wichtiges Stopp-Signal gegen das Streben anderer Länder nach Massenvernichtungswaffen. Als Verhandlungserfolg für die Russen lobten Medien in Moskau die neuen Regeln zum Austausch von Daten bei Atomwaffentests (Telemetrie). Russland müsse künftig deutlich weniger als zuletzt über die Entwicklung neuer Raketen preisgeben, hieß es. Trotz vieler Pannen soll etwa bald die seegestützte Interkontinentalrakete vom Typ Bulawa startklar sein. Schon nach Auslaufen von Start-I im Dezember 2009 mussten die Amerikaner zudem ihren Inspektionsposten am Raketenproduktionsstandort in der Stadt Wotkinsk verlassen. Der neue Start-Vertrag beinhalte eine vereinfachte "Kontrolle des gesamten Lebenszyklus atomarer Waffen", sagte Moskaus Generalstabschef Nikolai Makarow. Auch er hatte das Abkommen nach häufiger Kritik zuletzt doch gelobt. Mitten in der derzeit laufenden größten Reform des oft noch sowjetisch geprägten Militärs ist Makarow vor allem wichtig, dass das atomare Abschreckungspotenzial Russlands nicht geschwächt wird. Nicht zuletzt in der gerade verabschiedeten Militärdoktrin setzt Moskau weiter klar auf Atomwaffen - neuerdings auch zur Abwehr von Angriffen mit konventionellen Waffen . www.lr-online.de/politik