Aufgeregte junge Leute warten stundenlang in der sengenden Sonne. Sie lassen Kontrollen des Secret Service über sich ergehen, die strenger sind als auf jedem Flughafen. Und am Ende schaffen es 200 von ihnen nicht mal ins prall gefüllte Auditorium zur Rede von Barack Obama. Die Studenten in Brisbane empfangen den US-Präsidenten wie einen Superstar. Einst war das fast überall so.

Der Mann aus Washington genießt den Jubel, als er am Samstag in der University of Queensland auf der Bühne steht - in sicherer Distanz vom Hauptgeschehen des G20-Gipfels. Er lacht viel, macht Scherze über australisches Bier und Versicherungen gegen Krokodilangriffe, die sie hierzulande abschließen. Er versucht sich am lokalen Dialekt.

Am Sonntag bestimmt sein Auftritt die Titelseiten der örtlichen Presse, sie spricht von einem Obama-Fieber in der Stadt. "Er hat einen supertollen Eindruck hinterlassen", schwärmt auch Michelle Tapper, Reporterin beim Lokalsender 7 News. Obamas zum G20-Gipfel mitgereiste Berater strahlen vor Freude.

Auch ihr Chef wirkt zufrieden: "Es war eine gute Woche für die amerikanische Führerschaft", sagt er am Sonntag zum Abschluss seiner einwöchigen Reise. Auf allen Stationen habe er Erfolge erzielt: in China, in Myanmar und hier in Australien. Für die US-Wirtschaft, für den Klimaschutz, für die Beziehung zu China.

Daheim gilt Obama seit der verlorenen Kongresswahl als "lahme Ente". Und wenige Kilometer vom Ort seiner großen Samstagsrede entfernt wissen die Staats- und Regierungschefs der anderen G20-Länder auch nicht so recht, was er noch leisten kann. "Immer muss ich in Konferenzräumen sitzen und mit Politikern reden, statt zum Strand zu gehen", klagt Obama. Mit jungen Leuten habe er viel mehr Spaß.

Doch seine Lockerheit trügt: Obama hält keine Wohlfühlrede. Er hat noch zwei Jahre Präsidentschaft vor sich und will aus dieser Zeit herausquetschen, was geht, wie er selbst sagt. Die ganze Woche schon mischte er sich trotz der Auslandsreise aktiv in die Innenpolitik ein. Und er nutzte er die globale Aufmerksamkeit rund um den Gipfel in Brisbane für eine kraftvolle außenpolitische Regierungserklärung.

Es ist ein Rundumschlag. Russland greift er für die "Aggression" in der Ukraine an. Seinen Gastgeber, Premier Tony Abbott, knöpft er sich für dessen Ignoranz gegenüber dem Klimawandel vor. Er erklärt sich zum Kämpfer für Frauen- und Schwulenrechte, für globalen Wohlstand. Dass er mit Rückzugspolitik ein Führungsvakuum in der Welt geschaffen haben soll, weist er zurück: "Wir tragen viel Verantwortung. Es ist eine Last, die wir gerne schultern."

Mittelpunkt der 40 Minuten langen Rede ist aber die Neuausrichtung der US-Außenpolitik auf den asiatisch-pazifischen Raum. Sie soll Teil seines Vermächtnisses werden. Der Mann aus Hawaii will immer noch als erster "pazifischer Präsident" in die Geschichte eingehen.

Doch in den drei Jahren seit der Ankündigung dieser Strategie - ebenfalls hier in Australien - ist nicht viel passiert. "Es gibt die allgemeine Einschätzung, dass die USA das Interesse an Asien verloren haben", sagt Michael Green, Experte beim Institut CSIS in Washington. "Es ist entscheidend, dass der Präsident demonstriert, dass wir unsere Sicherheitszusagen in Asien im Blick haben."

Also geht Obama rhetorisch in die Vollen. "Als pazifische Macht haben wir Blut und Vermögen gelassen, um die Vision voranzubringen. Niemand sollte je unsere Entschlossenheit infrage stellen." Sie wird "wird immer ein wesentlicher Schwerpunkt meiner Außenpolitik bleiben". Ihm ist das sehr ernst, sagt sein Berater hinterher.

Der Präsident weiß um die wirtschaftlichen Verheißungen in der Region, spricht vom heraufgezogenen "pazifischen Jahrhundert". Er will offensichtlich in seinen letzten zwei Jahren alles in die Waagschale werfen: "Wir werden unser Engagement stetig und bewusst mit allen Elementen unserer Macht vertiefen", kündigt er an.

Sowas hört man in China mit Aufmerksamkeit. Die amerikanische "Neuausrichtung" wird dort als Eindämmungspolitik verstanden. Bei seinem Besuch zuvor in Peking versicherte Obama zwar mehrfach, dass er mit dem aufstrebendem Land nicht streiten, sondern kooperieren will. Doch seine Rede ist ein deutlicher Fingerzeig. Obama sagt: "Wir haben nichts von einer Beziehung mit China oder irgendeinem anderen Land, in der wir unsere Werte und Ideale vernachlässigen."