Die Szene scheint wie im Bürgerkrieg: Lichtblitze erhellen den nächtlichen Himmel über Kuqa, laute Detonationen lassen Fensterscheiben klirren. Immer wieder ist Gewehrfeuer zu hören. "Hier ist etwas außer Kontrolle", schildert erschrocken ein ausländischer Hotelgast in einem nächtlichen Telefonat nach Peking das Drama in der Stadt am Nordrand der Taklamakan-Wüste. "Und schon wieder eine Explosion." Er führt Strichliste. "Jetzt - wieder." Manche Detonationen seien besonders laut. Nach eineinhalb Stunden, gegen vier Uhr früh, hat der Tourist 21 Striche auf seinem Zettel gemacht. Die amtliche chinesische Nachrichtenagentur Xinhua berichtet wenig später, das Militär sei mobilisiert, "um zu intervenieren".
Chinas Sicherheitskräfte in der Unruheregion in Nordwestchina sind völlig überrascht über die aufwendige Vorbereitung, die genaue Planung und das Ausmaß der Bombenanschläge in der Oasenstadt. Wie im Bürgerkrieg wird bei Tageslicht eine Ausgangssperre verhängt. Gepanzerte Fahrzeuge fahren auf. Geschäfte und Restaurants müssen geschlossen bleiben. "An jeder Kreuzung stehen Soldaten", berichten Augenzeugen. Die Straßen seien leer. "An den Einfahrtsstraßen sind Straßensperren." Die Hauptziele in der Bombennacht sind eine große Polizeistation und andere Gebäude der Sicherheitskräfte und Ämter.
Was genau passiert ist, weiß keiner. Offiziell ist von sieben toten Attentätern die Rede - getötet oder selbst in die Luft gesprengt. Einziges Todesopfer der Kampfhandlungen sei ein Wachmann gewesen. Zwar wird die Bedeutung des Zwischenfalls offiziell heruntergespielt, doch der Schock ist groß. Erst vor sechs Tagen waren bei einem blutigen, rätselhaften Zwischenfall im 700 Kilometer entfernten Kashgar 16 Grenzsoldaten ums Leben gekommen. Die Sicherheitskräfte sind hoch nervös, stürmen nachts sogar in Hotelzimmer.
Wie die Olympia-Verantwortlichen in Peking sehen aber auch exil-uigurische Gruppen nicht unbedingt einen Zusammenhang zwischen den Störfällen in Xinjiang und den Olympischen Spielen. Das Turkvolk der Uiguren hat nach den Bekundungen seiner exilierten Führer nämlich nichts gegen Olympia - wohl aber etwas gegen die chinesischen Herrscher. So wundert sich der exil-uigurische Sprecher Dilxat Rexit vom Weltkongress der Uiguren in München nicht über Gewalt, auch wenn er sie ablehnt: Mögliche Ursachen seien die wirtschaftliche, politische und kulturelle Diskriminierung der Uiguren in Xinjiang.
"Regierung und Unternehmen sind zu 90 Prozent in den Händen von Chinesen." Vor 1949, als sich die Kommunisten die Region nach der Gründung der Volksrepublik einverleibt hatten, habe es kaum Chinesen in Xinjiang gegeben. "Heute wirken die Uiguren wie eine Minderheit - besonders in Ürümqi", sagt Rexit.
In den 60er-Jahren habe Peking hinter dem Widerstand der Uiguren die alte Kolonialmacht Großbritannien gesehen, in den 70er-Jahren die Sowjetunion, in den 80er-Jahren den Westen und nach den Terroranschlägen am 11. September 2001 radikale Islamisten. "Sie haben unterschiedliche Erklärungen für die Unruhen in Xinjiang", sagt Rexit. "Aber seit die Chinesen über die Uiguren herrschen, hat das Volk nie aufgehört, Widerstand zu leisten."
Nach den Explosionen wurde die ehemalige Handelsstadt an der antiken Seidenstraße abgeriegelt. Ausländer mussten Kuqa verlassen.