Früher gab es viel zu viele Lehrstellensuchende, bald werden sie fehlen. Was bedeutet das für die kleinteilig strukturierte Lausitz„
Die Struktur der Lausitz bietet durchaus Vorteile. Denn gerade die kleineren Unternehmen können am schnellsten auf wirtschaftliche Veränderungen reagieren. Und Ausbildung gehört einfach für die Zukunft dazu. Doch es zeigt sich schon jetzt, dass einige Ausbildungsplätze in der Lausitz nicht besetzt werden können.

Aber wenn die Betriebe heute nicht ausbilden, dann laufen sie morgen ins offene Messer.
Deswegen müssen wir ein drängendes Problem lösen, nämlich dass die Schulabgänger immer öfter nicht die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Ausbildung mitbringen. Gerade in kleinen Betrieben werden persönliche Defizite des Auszubildenden schnell deutlich, weil dort die Bindung wesentlich stärker ist als in einem Großbetrieb. Deshalb macht gerade das Handwerk Dampf, dass wir einen nationalen Bildungspakt schließen, um schnell die Zahl der Schulabgänger ohne Abschluss zu halbieren. Wir können nicht Zehntausende Jugendliche alljährlich an den Rand der Gesellschaft schieben!

Sind die Betriebe nicht auch verwöhnt“ In der Vergangenheit gab es manchen Bäckerlehrling mit Abitur.
Ich habe auch Abitur und habe dann eine Lehre als Klempner und Installateur gemacht. Aber wenn ein Viertel eines Jahrgangs nicht mehr ausreichend lesen und rechnen kann, dann zeigt das deutlich, dass die Schulausbildung in vielen Fällen eben nicht mehr den Erfordernissen entspricht. Das Handwerk braucht Spitzennachwuchs - aber es kümmert sich natürlich auch gerade um die, die nicht so in der Schule glänzen.

Das heißt, es gibt keine perfekten Anfänger und den Betrieben muss klar werden, dass sie die jungen Menschen auch formen können„
Das wissen unsere Meister in den Betrieben. Aber es gehört natürlich auch der Wille des Auszubildenden dazu, den Beruf richtig zu lernen. Er muss sich schon mit vollem Herzen einbringen.

Ohne genügend Aufträge kann sich kein Betrieb einen Lehrling leisten. Derzeit brummt es in der Wirtschaft wie seit Langem nicht mehr. Was kommt davon beim Handwerk an“
Es kommt einiges an. Das Wachstumspaket der Bundesregierung greift, vor allem der Steuerbonus von 20 Prozent auf Handwerkerrechnungen und das energetische Nachrüsten von Gebäuden. Das bringt gute Umsätze für die Handwerksbetriebe im Bau- und Ausbaugewerbe. Sie sind besser ausgelastet, ein Aufbau von Beschäftigung ist aber noch nicht festzustellen.

Aber Südbrandenburg und Ostsachsen sind relativ weit weg von den Baustellen in den Ballungszentren.
Steuerbonus und Gebäudenachrüstung kommen auch hier an, hier geht es ja um private Investitionen in Eigentum oder Mietwohnung.

Wird das auch so weitergehen, wenn die Mehrwertsteuer erhöht wird„
Das Handwerk hat seit eh und je vor solch einem Schritt gewarnt. Wir fürchten, dass die Konjunktur 2007 wieder abstürzen wird, geben deshalb nach wie vor nicht auf, die Bundesregierung von diesem Vorhaben abzubringen, zumindest teilweise.

Nun liegt die Lausitz direkt an der Grenze zu Polen. Die Arbeit eines polnischen Handwerkers wird ab 2007 dann noch günstiger.
Die Betriebe in der Lausitz sollten daher ihre Chance ergreifen. Gerade unsere gut ausgebildeten Handwerker haben jenseits der Grenze Chancen, weil in vielen Fällen die Qualifikation auf der anderen Seite noch nicht vorhanden ist. Polen wird im Übrigen wirtschaftlich sehr schnell aufholen, dann steigen die Chancen noch. Auch bestehende Lohnunterschiede werden sich in wenigen Jahren nivellieren.

Trotzdem verlangt ein polnischer Handwerker weniger Geld als ein deutscher.
Das stimmt. Unsere Statistiken zeigen aber, dass nur sehr wenige polnische Handwerker sich in den neuen Ländern niederlassen, 95 Prozent gehen in die Ballungsgebiete im Westen.

Noch gelten für die acht neuen EU-Mitglieder in Osteuropa starke Arbeitsbeschränkungen. Doch 2011 fallen diese Schranken. Was kommt dann auf die Lausitz zu“
Nur Qualität wird sich durchsetzen. Das hat sich schon in der Vergangenheit gezeigt. Wir haben ja ähnliche Krisen am Bau schon früher gehabt, als Italiener und Portugiesen auf unseren Baustellen waren. Das passiert, wenn sich die Konjunktur überhitzt.

Ein besonderes Qualitätszeichen des deutschen Handwerks ist der Meister. Aber mit einem einheitlichen EU-Binnenmarkt gerät dieser Titel immer mehr in die Kritik. Selbst die Monopolkommission in Deutschland sagt, dass mehr Wettbewerb nötig sei und der Meister abgeschafft werden sollte.
Das ist ein alter Hut. Die Monopolkommission wiederholt diese Forderung in jedem Bericht, das macht sie nicht besser. Die völlige Gewerbefreiheit - genau das fordert die Monopolkommission nämlich - hatten wir in Deutschland im 19. Jahrhundert. Die Qualität von Waren aus Deutschland war so schlecht, dass ausländische Kunden durch den Stempel "Made in Germany" gewarnt wurden. Es gab Wildwest ohne Ausbildung, als Folge der Gewerbefreiheit. Als der Staat diesen Fehler erkannte, wurden Handwerksverbände und Kammern gegründet, neue Ausbildungsstrukturen geschaffen. Das Handwerk hat sich die Qualität über Gesellen- und Meisterbrief wieder zurückerobert. In Europa beneiden uns andere Länder um dieses Ausbildungsniveau und die in der Praxis geschulten Mitarbeiter. In Großbritannien etwa reißen sich die Leute um deutsche Sanitär- und Heizungsinstallateure oder Tischler. Warum? Weil Ausbildung und Qualifikation im eigenen Land nicht mehr stimmen. Menschliche Arbeit kann man nicht nach ISO-Norm qualifizieren. Menschen brauchen ihre eigene Bildung.

Mit OTTO KENTZLER
sprach Peggy Kompalla