Die Erwartungen an die Flüchtlinge sind groß: Sie sollen als Fachkräfte arbeiten, wo Betriebe keinen Nachwuchs finden. Andere befürchten, dass die Arbeitslosigkeit steigt, dass der Konkurrenzkampf um Stellen zunimmt und die Löhne sinken werden. Die Gerüchte schießen ins Kraut. Erfahrungen aber gibt es kaum.

Behauptung: Flüchtlinge nehmen uns die Arbeitsplätze weg

Wilhelm Müller, Chef der Arbeitsagentur Cottbus: "Kein Arbeitsloser muss Angst haben, dass ihm ein Job weggenommen wird. Es bleibt bei der vorherigen Prüfung, ob ein geeigneter Deutscher oder anderer EU-Bürger für den Arbeitsplatz zur Verfügung steht." Nur wenn das nicht der Fall sei, habe der Flüchtling eine Chance. Oliver Holtemöller, Volkswirt am Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH), sagt: "Flüchtlinge werden dem deutschen Facharbeiter oder Akademiker nicht die Arbeitsplätze wegnehmen. Sie stehen vielmehr in Konkurrenz zu denen, die ähnlich qualifiziert sind, also anderen Migranten, die schon im Land sind."

Hans-Werner Sinn, Präsident des Münchner Ifo-Instituts, sieht es ähnlich: "Der syrische Arzt ist wohl eher die Ausnahme als die Regel - zum Glück, denn er wird ja zu Hause noch mehr gebraucht. Die Flüchtlinge werden also überwiegend in einfache Jobs drängen."

Martin Dulig (SPD), Sachsens Wirtschaftsminister, widerspricht der geforderten Absenkung sozialer Standards: "Wenn jemand seinen Arbeitsplatz verliert, weil jemand kommt, der sozusagen für einen niedrigeren Lohn die gleiche Arbeit macht, dann ist doch keine Akzeptanz für Integration da! Also von daher ist das der völlig falsche Ansatz! Mit mir wird es kein Antasten an den Mindestlohn oder an andere soziale Standards geben, denn das wäre der völlig falsche Weg. Er wäre kontraproduktiv. Unsere Spielregeln müssen eingehalten werden. Und die gelten für alle."

Behauptung: Flüchtlinge werden den Fachkräftemangel beheben

Wolfgang Spieß, Leiter Bildung bei der Industrie- und Handelskammer Potsdam, sagt: "Die Erwartungen sind groß, es gibt viele Betriebe, die bereit wären, Flüchtlinge einzustellen." Auf eine Umfrage der Kammer meldeten 300 Firmen Interesse an Flüchtlingen, um dem Fachkräftemangel zu begegnen. Es waren vor allem Betriebe aus dem Hotel- und Gaststättengewerbe, der Bewachungsbranche oder Logistik. Spieß räumt ein, es gebe noch keine Erfahrungen.

Diana Golze (Linke), Brandenburgs Arbeitsministerin ist überzeugt, dass nicht besetzte Fachkräftestellen "mit entsprechender Unterstützung" auch von Flüchtlingen besetzt werden können.

Oliver Holtemöller (IWH) ist zurückhaltender: "Das Potenzial von Flüchtlingen ist groß, vorausgesetzt, sie werden qualifiziert. Das wird aber nicht in kurzer Zeit geschehen. Das dauert Jahre."

Behauptung: Menschen aus Eritrea oder Afghanistan kommen mit der deutschen Arbeitskultur nicht zurecht

Isabel Wolling, Sprecherin der Agentur für Arbeit Potsdam: "Wir haben festgestellt, dass die kulturellen Hürden größer sind als gedacht. Es ist nicht nur einmal vorgekommen, dass junge Männer ein Problem damit hatten, Chefinnen zu akzeptieren. Auch das Zeitgefühl ist teilweise anders. Während wir eine minutengenaue Pünktlichkeit erwarten, ist das in anderen Kulturkreisen anders.

Behauptung: Flüchtlinge liegen doch nur auf der faulen Haut

Oliver Holtemöller (IWH): "Flüchtlinge kommen sicher nicht nach Deutschland, um auf der faulen Haut zu liegen. Sie haben gezeigt, dass sie mobil sind. Sie suchen eine bessere Perspektive für sich und ihre Kinder." Holtemöller verweist auf eine Studie, wonach Arbeitslosigkeit unter Migranten seltener "vererbt" wird als bei Deutschen.

Behauptung: Der Ausbildungsstandard von Flüchtlingen ist nicht mit dem der Deutschen vergleichbar

Offizielle Informationen über die Fähigkeiten von Flüchtlingen gibt es noch nicht, die Arbeitsagentur sammelt Daten. Erste Erkenntnisse bestätigen, dass Hochqualifizierte die Ausnahme sind. Unter den Zuwanderern haben nicht einmal zehn Prozent studiert, nur weitere zehn Prozent haben eine abgeschlossene Berufsausbildung.

Für Joachim Ragnitz vom Ifo-Institut Dresden ist das Fachkräfteproblem der ostdeutschen Wirtschaft mit den Flüchtlingen eher nicht zu lösen. "Nach allem, was man weiß, ist die Qualifikation vieler Zuwanderer dann doch nicht so gut, wie es die Unternehmen eigentlich brauchen würden", sagte er.

Wolfgang Krüger, Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Cottbus: "Die Qualifikation der meisten Flüchtlinge reicht nicht aus. Wir werden wahrscheinlich Jahre brauchen, die Menschen einzugliedern."

Isabel Wolling (Arbeitsagentur Potsdam): "Ein Elektroniker aus Syrien braucht ergänzende Zertifikate. Er war in der Heimat unter anderen Bedingungen tätig. Um in Deutschland als Fachkraft arbeiten zu können, braucht er eine Anpassungsqualifizierung."

Knut Deutscher, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Cottbus, erklärt, dass jeder vierte der rund 2000 Handwerksbetriebe im Kammerbezirk laut einer Umfrage bereit sei, Flüchtlinge einzustellen. "Das ist ein grandioses Ergebnis. Doch um dahin zu kommen, dass aus der Bereitschaft Ausbildungs- und Arbeitsverhältnisse werden, ist es ein langer Weg."

Behauptung: Die Arbeitslosigkeit steigt wegen der Flüchtlinge

Das stimme, sagt das Münchner Ifo-Institut in seiner aktuellen Konjunkturprognose. Die Arbeitslosigkeit wird demnach 2016 steigen, und zwar deutschlandweit um zunächst 23 000, im darauffolgenden Jahr gar um 300 000

Oliver Holtemöller (IWH): "Die Beschäftigungsaussichten für Flüchtlinge sind kurzfristig ungünstig. Daten zeigen, dass die Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt länger dauert als von anderen Zuwanderern." Steigen müsse die Arbeitslosenquote dadurch aber nicht zwingend, vielmehr könne sie "einfrieren".

Behauptung: Flüchtlinge kurbeln die Konjunktur an

Hans-Werner Sinn (Ifo-Institut) bestätigt das, sagt aber auch, das sei ein Konjunkturprogramm auf Pump: "Der private Konsum bleibt die Stütze des Aufschwungs. Hinzu kommen die höheren kreditfinanzierten Staatsausgaben für Flüchtlinge, die einen temporären Nachfrageschub zulasten künftiger Perioden bedeuten."

Sein Dresdner Kollege Joachim Ragnitz pflichtet bei: "Wir haben weiterhin positive Effekte aufgrund der angenommenen Flüchtlingszuwanderung." Vor allem beim Konsum, aber auch im ohnehin gut laufenden Baugewerbe sowie im Wohnungswesen sei aufgrund einer Ausweitung der staatlichen Leistung weiter mit Zuwächsen zu rechnen.

Behauptung: Flüchtlinge werden die Löhne drücken

Oliver Holtemöller (IWH): "Die Erfahrungen zeigen, dass starke Zuwanderung in einigen Segmenten des Arbeitsmarkts dämpfende Effekte auf die Lohnentwicklung hat: Löhne für gering qualifizierte Tätigkeiten steigen langsamer." Dumpinglöhne werde es aber durch die Zuwanderer nicht geben. "Das verhindert das Gesetz." Zuwanderer dürften nicht schlechter bezahlt werden.

Zum Thema:
Ein Beispiel belegt, dass dies nicht stimmt: Ein junger, alleinstehender Mann aus Syrien kommt in eine deutsche Erstaufnahmeeinrichtung. 216 Euro bekommt er vom Staat für die Deckung des "monatlichen Bedarfs", allerdings nicht bar auf die Hand, sondern in Form von Unterkunft, Kleidung und Verpflegung. Ausbezahlt werden ihm 143 Euro pro Monat - umgangssprachlich wird das auch Taschengeld genannt. Ein beschönigender Begriff, findet Günter Burkhardt von Pro Asyl. Denn von dem Geld müssen Fahrkarten bezahlt werden, um zum Amt oder zum Arzt zu kommen. Ebenso Telefon- und Internetkosten, um mit der Familie in Kontakt zu bleiben. Verlässt ein Asylbewerber nach drei Monaten die Erstaufnahmeeinrichtung, unterstützt ihn der Staat mit 359 Euro pro Monat. Ein Hartz-IV-Empfänger bekommt 40 Euro mehr.