" Das Etappenrennen startete trotzdem in der rund 100 Kilometer südlich vom Unglücksort gelegenen ukrainischen Hauptstadt.
"Wenn es nach meiner Frau gegangen wäre, wäre ich nicht gefahren", erzählt der Geraer Ludwig, heute Chef des T-Mobile-Profiradteams. Ludwig war damals 26 Jahre alt. "Echt blauäugig" sei er die Sache angegangen, ohne Gedanken an eventuelle Gesundheitsgefahren. "Die DDR-Seite stellte alles als harmlos dar und was im Westfernsehen dazu lief, kam mir andererseits übertrieben vor."
Die Informationen der DDR-Medien über das Reaktorunglück waren dürftig. Regionalblätter druckten erst drei Tage nach der Katastrophe eine kurze Meldung der sowjetischen Nachrichtenagentur Tass ab, in der lediglich von einer "Havarie" die Rede war, nicht aber von Toten und Verletzten. Derweil verfolgten die DDR-Bürger gebannt Westfernsehen und -rundfunk, wo Begriffe wie Becquerel und Millirem fielen und die Frage diskutiert wurde, ob man Gemüse und Pilze noch gefahrlos verzehren kann.
Gegen die Sorgen der eigenen Bürger erhoben die DDR-Medien ausgerechnet das Bundesinnenministerium zum Kronzeugen. "Jodtabletten haben keinen Nutzeffekt", hieß es da. "Bonner Experten" sähen keine Gesundheitsgefährdung. Zeitungsfotos zeigten fleißige DDR-Bäuerinnen beim Salatpflanzen. "Doch Salat oder Gurken wollte erst mal keiner", erinnert sich Wolfgang Knauth, der damals in Kromsdorf bei Weimar eine LPG leitete. Der Betrieb mit mehr als 500 Hektar Gemüse- und Erdbeerfeldern erkundigte sich bei Wetterexperten, ob mit radioaktivem Regen gerechnet werden müsse. "Man hat uns versichert, dass unser Gebiet nicht befallen ist", erinnert sich Knauth.
Der Bauingenieur und Hochschuldozent Hartmut Köppler aus Weimar flog Anfang Mai 1986 dienstlich nach Kiew. "In vollem Bewusstsein darüber, was passiert ist", sagt der heute 67-Jährige. In der sowjetischen Parteizeitung "Prawda" hatte er über die Evakuierung von Pripjat gelesen. Die Bilder von damals hat er bis heute nicht vergessen: "Auf den Bahnhöfen drängten sich die Leute, die wollten einfach nur weg."
Die gesundheitlichen Folgen des Unglücks von Tschernobyl auf früherem DDR-Gebiet sind bis heute unklar. Das Gemeinsame Krebsregister (GKR) der neuen Bundesländer in Berlin stellte keinen auffälligen Anstieg von Krebsneuerkrankungen seit dem Unglück fest. Allerdings sei die Erfassungsrate zwischen der Wiedervereinigung und Mitte der 90er-Jahre wegen der unklaren Gesetzeslage stark zurückgegangen, sagt Roland Stabenow, stellvertretender Leiter der Registerstelle.