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| 12:27 Uhr

Nur ein Teilgeständnis und bis heute keine Reue

Rechtsanwalt Wolfram Beck zu Prozessbeginn neben seinem mit einer Jacke vermummten Mandanten. Dem droht lange Haft.
Rechtsanwalt Wolfram Beck zu Prozessbeginn neben seinem mit einer Jacke vermummten Mandanten. Dem droht lange Haft. FOTO: LR-Archiv
Cottbus. Selbst sein Pflichtverteidiger fand für den Angeklagten zum Schluss nur wenig gute Worte. Staatsanwaltschaft und Nebenkläger wollen Thomas W. wegen schwerer Sexualstraftaten für neuneinhalb Jahre hinter Gittern sehen. Simone Wendler

Rechtsanwältin Ariane Lambert nimmt in ihrem Schlussvortrag kein Blatt vor den Mund. "Am schlimmsten ist, dass sie eigentlich alles bestreiten", hält sie dem Angeklagten vor. Dann fügt sie hinzu: "Sie haben zahllose Leben versaut, ihr eigenes auch."

Lambert vertritt einen jungen Mann der nach ihrer Überzeugung als 17-Jähriger von Thomas W. sexuell missbraucht und vergewaltigt wurde, als er ihm durch die drogenabhängige Mutter des Jugendlichen anvertraut wurde. Staatsanwältin Jessica Hansen ist nicht nur von diesen Taten überzeugt.

Für sie steht auch fest, dass der inzwischen 54-jährige Kraftfahrer sich monatelang an einem geistig behinderten Jungen sexuell vergriff und ihn im Sommer 2014 vier Wochen lang in seiner Wohnung versteckte.

Durch die dadurch nötige öffentliche Fahndung nach dem Jungen, hielt sie dem Angeklagten in ihrem Plädoyer vor, bleibe der für viele in seinem Umfeld für immer "der Junge, dem das passiert ist".

Hansen forderte für Thomas W. neuneinhalb Jahre Haft. Bis heute habe er keine erkennbare Reue gezeigt. Dem schlossen sich die Anwälte des ehemaligen Pflegesohns und der Mutter des Behinderten als Nebenkläger an.

Obwohl im Prozess Zeugen glaubhaft berichtet hätten, dass W. offenbar schon seit vielen Jahren immer wieder Heranwachsende sexuell missbraucht habe, was aber nie angezeigt wurde, gebe es keinen Grund, über die Strafe hinaus eine Sicherungsverwahrung für den Angeklagten zu fordern. Laut Gutachten sei er zwar sexuell auf heranwachsende Jungen fixiert und schuldfähig. Die Gefahr neuer derartiger Taten sei jedoch laut Sachverständigen gering.

Rechtsanwalt Wolfram Beck, der Thomas W. verteidigte, hält viereinhalb Jahre Haft für eine ausreichende Strafe. Die Differenz zur Forderung der Staatsanwaltschaft begründete er nur mit einer unterschiedlichen rechtlichen Bewertung der mutmaßlichen Vergewaltigung des Pflegesohnes. Er bezweifele, dass dabei Gewalt angewendet wurde. Der fast volljährige Pflegesohn hätte sich wehren können.

Beck richtete jedoch selbst kritische Worte an seinen Mandanten. Bezüglich des Versteckens des behinderten Jungen sagte er: "Menschlich habe ich dafür kein Verständnis."

Bis zum Schluss leugnete Thomas W. den schweren Missbrauch des Pflegesohnes und versuchte die Taten an dem behinderten Jungen zu beschönigen. Als ihm der vorsitzende Richter das letzte Wort erteilte, entschuldigte er sich bei der Mutter des behinderten Jungen. Die schüttelte dazu nur den Kopf.

Als sie am Dienstag noch mal Gelegenheit hatte sich im Gerichtssaal zu äußern, hielte sie Thomas W. vor, dass er sich gar nicht vorstellen könne, was er ihr und ihrer ganzen Familie angetan habe. Nächtelang habe sie nicht schlafen können, als ihr Sohn verschwunden war: "Ich bin durch die Hölle gegangen."

Am Freitag wird am Landgericht Cottbus das Urteil gegen den Lübbenauer verkündet.