Viele Waren kommen auch heute noch auf Eselsrücken in die Bergdörfer. Doch alle fünf Jahre werden Donje und Gornje Ljubinje zum Anziehungspunkt für Menschen aus ganz Europa. Dann wird "Sunet" gefeiert, die Massenbeschneidung kleiner Jungen nach jahrhundertealtem Ritual.
"Wenn das Fest beginnt, lassen wir alles andere liegen. Niemand arbeitet dann, es wird nur gefeiert", sagt der Dorfälteste, der 80-jährige Sadrija Karadollami. Wie die Mehrheit der zwei Millionen Menschen im Kosovo sind auch die 3000 Einwohner der beiden Ljubinjes Moslems. Doch sie sind keine Albaner, sondern gehören der kleinen Minderheit der Gorani an. Sie sprechen ihre eigene Sprache, dem Serbischen ähnlich.

"Anders als die anderen"
Die Gorani sind stolz auf ihre Kultur. Zwar sind viele Söhne und Töchter auf der Suche nach Arbeit und einem besseren Lebens ausgewandert. Aber zu "Sunet" kehren viele von ihnen wieder in ihre Dörfer zurück. Arif Kurtishi zum Beispiel kommt aus Schweden, wo der 40-Jährige seit Jahren arbeitet. Das Fest zeige, "dass wir anders sind als die anderen", sagte er.
Vier Tage dauern die Feierlichkeiten, Höhepunkt ist die Beschneidung von 130 Jungen im Alter von zehn Monaten bis zu fünf Jahren. Begleitet von Musikern schreitet der Imam von Haus zu Haus durch die steilen Gassen des Dorfes. Dann kommt Zylfikar Shishko zum Zuge, ein 70-jähriger Barbier aus dem nahen Prizren. Seit 45 Jahren ist der Mann mit dem scharfen Bügelfalten in seinen Anzughosen und der traditionellen Kappe für die Beschneidungen zuständig. "Ich mache das schon so lange, dass ich gar nicht mehr weiß, wieviele Jungen ich beschnitten habe", sagt er.
Shishkos nächster Kunde ist der 13 Monate alte Amar Hashani. Während der kleine Junge in einem Bett mit Baldachin liegt, packt Shishko zum Klang muslimischer Gesänge sein Werkzeug aus: Ein Skalpell, Jod, Wundpuder, mehr braucht er nicht. Zwei seiner Assistenten halten Amar fest, der Junge beginnt zu weinen. Den Barbier bringt das nicht aus der Ruhe. Ohne das Kind zu betäuben, erfüllt er seinen Auftrag. Nach 20 Sekunden ist er fertig. In all den Jahren sei keine einzige Beschneidung schief gegangen, versichert er. "Ich habe das Geschäft zehn Jahre lang bei einem Meister gelernt, bevor ich angefangen habe, alleine zu arbeiten", erzählt er. Einen Nachfolger hat er bisher nicht gefunden.
"Schrei nur, schrei nur. Das ist ein Zeichen des Lebens und des Stolzes", ruft der Imam, während die Musiker Amars Schluchzen übertönen. Erst als die Besucher das Haus verlassen, kommen Amars Mutter und zwei seiner Schwestern dem Kleinen zu Hilfe. Nachbarn und Verwandte drängen herein, bringen Glückwünsche und Geschenke.
Vater Efrim Hashani ist gerührt. Wie Kurtishi lebt er mit seiner Familie in Schweden und ist nur nach Ljubinje gekommen, um seinen Sohn beschneiden zu lassen. "Ich habe lange gezögert, ob ich Amar nicht in Schweden beschneiden lassen soll, wo die Bedingungen ideal sind, aber dann habe ich mich entschieden, es auf die traditionelle Art zu tun", sagt er. Der Bauarbeiter ist sich sicher, dass der Sohn nicht unter dem Ritual leiden werde. "An meine eigene Beschneidung erinnere ich mich nur, weil ich mir von den Geldgeschenken meiner Verwandten ein Fahrrad gekauft habe."

Erinnerung an osmanische Zeit
In 14 riesigen Kesseln haben die Familien der neu beschnittenen Jungen Mittagessen für alle Dorfbewohner gekocht. Dann werden Wettkämpfe ausgetragen, die auf die Zeit der Osmanenherrschaft zurückgehen. Nach vier Tagen kehrt Ruhe ein - bis zum nächsten "Sunet" in fünf Jahren.