Menschen eilen die Stufen hinauf. Schritte hallen in den langen Gängen. In den Regalen liegen Formulare für die Steuererklärung. Viele der Besucher des Finanzamtes in Oranienburg kennen die Geschichte des Gebäudes nicht, andere interessiert sie nicht. Das soll sich ändern: Eine Installation vor dem Eingang weist künftig auf die Vergangenheit des T-förmigen Baus in unmittelbarer Nähe der Gedenkstätte Sachsenhausen hin. Im Foyer erinnert ein großformatiges Foto an den Terror, der von hier aus gesteuert wurde. Es bildet den Auftakt der neuen Ausstellung über die Inspektion der Konzentrationslager (IKL), der zentralen Verwaltung aller KZ im Nationalsozialismus.

"Es geht auch darum, einer Banalisierung des Gebäudes vorzubeugen", erklärt Günter Morsch, Direktor der Stiftung Brandenburgischer Gedenkstätten. Seine Organisation will die Täter noch mehr in den Blick rücken: "Die Schreibtischtäter der Inspektion waren es, die den systematischen Terror in den Konzentrationslagern bürokratisch planten", sagt der Politikwissenschaftler.

"Sie waren maßgeblich am Völkermord beteiligt, sie koordinierten Massenmorde in den Konzentrationslagern, bestimmten Haftbedingungen und Hungerrationen, Zwangsarbeit und Häftlingsstrafen."

Die Multimedia-Ausstellung "Die Inspektion der Konzentrationslager 1934-1945. Eine Ausstellung am historischen Ort" soll mithilfe von Fotos, Filmen, Dokumenten und Objekten die konkreten Auswirkungen der Entscheidungen in der Zentrale verdeutlichen. Am vergangenen Wochende hat Kulturministerin Sabine Kunst (parteilos) die Schau eröffnet.

Rund 150 000 Euro hat die Stiftung in die neue Dauerausstellung investiert, die den 20 Jahre alten Vorgänger ersetzt. 50 000 Euro haben je zur Hälfte Bund und Land getragen, erklärt Morsch. Der Rest wurde mit Spenden finanziert. Sechs Themenfelder veranschaulichen das gesteuerte KZ-System mit seinen insgesamt 32 Hauptlagern und über 1000 Außenlagern.

So wird beispielsweise unter der Überschrift "Völkermord" gezeigt, wie das Gift Zyklon B vom Zentrallager in Oranienburg seinen Weg zum Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau fand. Zugleich erhalten die Täter ein Gesicht: Ihre Biografien werden ausführlich geschildert - oft zeigt ein Foto ihr Gesicht.

Von besonderer Bedeutung ist für Morsch, dass die Darstellung an einem authentischen Ort möglich ist. Denn das sogenannte T-Gebäude in unmittelbarer Nähe zum KZ Sachsenhausen ist weitgehend im Originalzustand erhalten. "Der Bau ist das wichtigste Täter-Gebäude, das es noch gibt - und trotzdem ist es unbekannt", bedauert Morsch.

Die breite Öffentlichkeit verbindet die Verfolgungs- und Vernichtungspolitik des NS-Regimes eher mit dem ehemaligen Reichssicherheitshauptamt in Berlin. Doch dieses Gebäude existiert nicht mehr und das Gelände gehört heute zu der im Jahr 2004 entstandenen Gedenkstätte "Topographie des Terrors".

Wer hingegen in Oranienburg aufmerksam durch das vor allem vom Finanzamt genutzte Haus geht, erkennt die Nazi-Architektur. Der Einzug der Behörde in das Objekt hat in den 1990er-Jahren für hitzige Diskussionen gesorgt. Die neue Ausstellung erinnert auch daran.

Inzwischen haben sich die Wogen gelegt. Morsch, dessen Stiftung ebenfalls in dem Gebäude seinen Sitz hat, sucht den Kontakt zu den Beamten. Der Chef des Finanzamtes, Peter Neiß, gehört zu den Unterstützern der neuen Ausstellung. "Es ist gut, verdeutlicht zu bekommen, was man mit Verwaltung anstellen kann", betont der Beamte. "Das ist eine Sache, die immer wieder aktuell werden kann und das muss man sich ins Bewusstsein rufen."

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Öffnungszeiten der Ausstellung: Montag bis Freitag 8 bis 18 Uhr sowie Samstag und Sonntag 12 bis 16 Uhr