Es war ein ganzes Stück Arbeit. Mehr als zwei Jahre lang hat Cordula Reuß verblichene, handschriftlich verfasste Listen entziffert, Magazinkisten durchsucht und Tausende Bücher aus der Zeit vor 1945 in den Händen gehalten. Auf der „Fahndungsliste“: NS-Raubgut.

Die diplomierte Bibliothekarin läuft zielsicher durch die verzweigten Flure der „Bibliotheca Albertina“, die Universitätsbibliothek Leipzig. In einem der vielen Archivräume bleibt sie stehen, kurbelt am Drehkreuz der fahrbaren Magazinregale und greift sich ein Buch heraus.

„Institutum Judaicum Leipzig“ ist auf die erste Seite gestempelt. Der Band wurde im Dritten Reich von der Geheimpolizei beschlagnahmt und ist kurz nach dem Krieg an die Uni Leipzig gelangt. „Insgesamt haben wir 3409 Bücher in unseren Archiven gefunden, die während der Nazizeit unrechtmäßig in Institutionen oder privaten Bibliotheken von Juden oder Widerständlern sichergestellt worden sind“, erzählt Reuß. Ziel ihrer detaillierten Recherche ist es, möglichst viele dieser Werke an lebende Erben oder Rechtsnachfolger zurückzugeben.

Die Leiterin des NS-Raubgut-Projekts an der Universitätsbibliothek musste mit ihrem kleinen Team aus zwei Mitarbeitern anfangs eher detektivisch vorgehen. Die in unsortierten Kisten gefundenen Gestapo-Zugangsbücher waren für eine zügige wissenschaftliche Archivarbeit nur bedingt geeignet. Da stehe dann oft nicht der Titel des Buches, sondern beispielsweise „Ein Konvolut aus 172 marxistischen Broschüren – und schon weiß man nicht, wie man weitersuchen soll, erklärt Reuß.

Doch die Forscher hatten Glück: Bücher, die zur „verbotenen und schädlichen Literatur“ zählten, mussten von der Polizei auf Extralisten etwas gründlicher dokumentiert werden. Erst jetzt konnte in den Magazinen nach dem Raubgut und Hinweisen auf die früheren Eigentürmer gesucht werden.

Provenienzforschung, also die Herkunftsrecherche, wird vor allem seit der „Washingtoner Erklärung“ von 1998 intensiv betrieben. Damals verpflichteten sich Deutschland und 43 weitere Staaten, im Nationalsozialismus beschlagnahmte Kunstwerke in ihren Beständen ausfindig zu machen und gegebenenfalls an die rechtmäßigen Eigentümer, darunter hauptsächlich jüdische Kriegsopfer, zurückzugeben.

„Im Westen Deutschlands sah man die Sache nach vereinzelten Rückgaben und Entschädigungen in der Nachkriegszeit eigentlich als erledigt an“, berichtet der Leiter der vor drei Jahren eingerichteten Arbeitsstelle für Provenienzforschung in Berlin, Uwe Hartmann. „Doch in den Archiven mancher Einrichtungen wurde noch viel Raubgut entdeckt.“ Da die DDR jegliche Rückforderungen von Kriegsopfern abgeblockt hatte, wird man besonders in Ostdeutschland fündig.

Die Berliner Arbeitsstelle hat das Leipziger Projekt in den vergangenen beiden Jahren finanziell unterstützt, im November werden die Ergebnisse in einer Ausstellung präsentiert.

Insgesamt wurden 81 unterschiedliche Institutionen und Personen als rechtmäßige Eigentümer identifiziert. Dazu gehört auch der jüdische Dolmetscher Victor Armhaus aus Leipzig, der 1942 im Konzentrationslager Theresienstadt umgekommen ist. Zwei Nichten haben sich aus Israel gemeldet. „Das rührt schon sehr an, gerade wenn es Erben gibt, die sich an einen Menschen erinnern“, sagt Bibliothekarin Reuß. Einige der 59 Bände aus der Privatsammlung des Onkels bekommen die Nichten nun geschickt.