Der Ölpreis steigt unaufhörlich. Viele Konsumenten sind nicht mehr in der Lage, sich Heizöl und Benzin zu leisten. Der Urlaub fällt dem Rotstift zum Opfer, Berufspendler müssen sich nach Alternativen umschauen, Unternehmer fürchten um ihre Existenz. In Deutschland kocht die Volksseele, und die Bürger fühlen sich den Öl-Multis hilflos ausgeliefert.
W as für die einen wie ein Fluch erscheint, ist für andere ein Segen - zum Beispiel für die Stadt Stavanger an Norwegens südwestlicher Atlantikküste. Die diesjährige Europäische Kulturhauptstadt mit rund 120 000 Einwohnern sowie eigenem See- und Flughafen ist durch Öl und Gas äußerst wohlhabend geworden und weist eine wirtschaftliche Dynamik auf, die atemberaubend ist. Unweit von Fjord und Fjell, Schären und Leuchttürmen, Stränden und Heide trotzen die stählernen Kolosse der Ölplattformen Wetter und Wellen. Unablässig wird dort das schwarze Gold aus prähistorischen Tiefen geholt. Geld und Jobs sprudeln automatisch nach.
22 der mächtigsten internationalen Energie-Riesen sind mit eigenen Vertretungen in der Nordsee-Region ansässig, darunter BP, Exxon Mobil, Eon Ruhrgas oder der norwegische Staatskonzern StatoilHydro ASA. In den Firmenbüros, Werften, Zuliefererbetrieben und Entwicklungslabors rund um Stavanger arbeiten insgesamt 45 000 Mitarbeiter. Das ist die Hälfte all derer, die in der gesamten norwegischen Öl- und Gasförderbranche beschäftigt sind. Auch das nationale Öl-Direktorium plant von Stavanger aus die Strategien Norwegens im Energiesektor. Kein Wunder, dass man da eher lobende Worte für die Öl-Industrie übrig hat: „Unsere Arbeitslosenrate ist gleich Null. Wenn Sie mir 10 000 gut ausgebildete Leute schicken, dann können wir für alle Stellen finden“ , sagt Leif Johan Sevland, der Bürgermeister von Stavanger.
Petroleum und Gas sind nur einer von mehreren großen Aufschwüngen, die Stavanger bislang erlebt hat. Für das im Jahr 1125 gegründete Hafenstädtchen, mitten im ehemaligen Kernland der Wikinger gelegen, war die See schon immer Quelle für nachhaltiges Wachstum. In den verschiedenen, der heutigen Globalisierung durchaus ähnlichen wirtschaftlichen Verdichtungs- und Vernetzungs-Phasen der Vergangenheit stand Stavanger mal auf der Gewinner-, mal auf der Verliererseite. Die Menschen lebten gut von Seehandel und Fischfang, bis irgendwann die Heringsschwärme ausblieben. Auch im Schiffsbau konnten sich die Einheimischen bald einen Namen machen, bis schließlich andere Regionen auftrumpften.
M it der Industrialisierung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde hier das Eindosen von Sprotten und später anderen Waren perfektioniert. Zeitweilig waren mehr als 50 Dosenfabriken in der Stadt in Betrieb und machten die Küstenstadt zum Inbegriff der Fischkonserve - von dieser Zeit zeugt heute noch das sympathische kleine „Hermetikmuseum“ in den Mauern einer ehemaligen Konservenfabrik. Dann setzte in diesem Bereich ebenfalls der Niedergang ein.
Ab 1970 klingelten die leeren Kassen der Kommune dank fossiler Brennstoffe. Damit der Zustrom an Inge nieurs kräften nicht versiegt, lockt Stavanger verstärkt junge Talente an die lokale Universität. Wer sich einschreibt, kann etwa einen Master-Abschluss in Offshore-Technologie machen, um dann als examinierter Drill-Instrukteur auf einer der Plattformen die Karriereleiter empor zu klettern.
I nnerhalb von rund 40 Jahren sind in Norwegen 4,3 Milliarden Barrel Erdöl gefördert worden. Das entspricht einem Drittel des Volumens der sicheren unterseeischen Vorräte des Landes, die auf 13 Milliarden Barrel Öl und Gas taxiert werden. Ein halbes Jahrhundert werden sie wohl mindestens noch reichen, und auch danach sollen die Lichter der Plattformen nicht ausgehen. Staat und Öl-Industrie lassen im Meer emsig bohren und pumpen, drillen und graben. „Wir hoffen auf neue Funde in den Gewässern in der Mitte und im Norden des Landes“ , sagt Ola Morten Aanestad von StatoilHydro.
Mit der Erschließung des Snøhvit-Ölfeldes vor Hammerfest und weiteren fossilen Energievorkommen in der Barentssee könnte das Petro-Geschäft vor einer Verlagerung stehen. Stavanger läuft somit Gefahr, eines Tages seine Monopolstellung zu verlieren. Gleichwohl wird in der Öl-Gegend in alternative Energielieferanten investiert. So findet im Åmøy-Fjord die Montage der ersten schwimmenden Windkraftanlage mit einem Rotor von mehr als 80 Metern Durchmesser statt, die bis zu 2,3 Megawatt Strom liefern soll. Das Windrad, das bis Herbst 2009 rund zehn Kilometer vor der Insel Karmøy bei Stavanger verankert und betriebsbereit gemacht wird, wurde von Siemens konstruiert und wird von StatoilHydro unterhalten. „Uns kommen dabei die Erfahrungen mit der Offshore-Öl- und Gas-Gewinnung zugute“ , sagt Alexandra Bech Gjørv von StatoilHydro.
S tavanger denkt noch weiter voraus. Tourismus, Kultur und Natur sollen der neue finanzielle Treibstoff der Kommune werden. In dieser Hinsicht war die Bewerbung um den Titel der Europäischen Kulturhauptstadt, der normalerweise nur Städten in EU-Mitgliedsstaaten vorbehalten ist, mehr als konsequent. Das Unterfangen wurde zunächst kaum ernst genommen. „Die meisten fanden die Idee witzig, andere haben uns für verrückt erklärt“ , sagt Bürgermeister Sevland.
A bwegig ist das Projekt, eine Hauptstadt des Erdöls zu einer Hauptstadt der Kultur zu machen, keineswegs. Es zeigt vielmehr, dass man nicht früh genug damit anfangen kann, für den Tag X, an dem der letzte Tropfen Öl aus den Pipelines rinnt, vorzusorgen. Der allerdings könnte länger als gedacht auf sich warten lassen. Zudem beweist das ultramoderne Ölmuseum von Stavanger, das, einer Bohrinsel nicht unähnlich, mit Stelzen ins Wasser gebaut ist, dass die Stadt mit großem Selbstbewusstsein der Zukunft entgegensieht.