Mit dem von der Stadtvertretung einstimmig beschlossenen Lärmaktionsplan "Lebenswert leise" setzen sie auch europaweit Maßstäbe. Die 74 000-Einwohner-Stadt ist die erste Gemeinde dieser Größenordnung, die seit 2003 unter Beteiligung der Bürger eine EU-Richtlinie zum Umgebungslärm umsetzt. Experten der Stadt sind deshalb gefragte Gesprächspartner bei anderen Kommunen. Sogar Hamburg nutzt die Erfahrungen.
In Norderstedt haben Kommunalpolitiker der fünf Parteien CDU, SPD, Grünen, FDP und Linke erkannt, dass Lärmminderung ein Qualitätsfaktor für die Stadt ist. "Die einstimmige Beschlussfassung freut mich, weil wir einen Weg gefunden haben, viele Interessen zu einen", sagt der Erste Stadtrat Thomas Bosse. Umgesetzt werden kann der Plan aber nur in kleinen Schritten unter Beteiligung der Anwohner. Schon der Wunsch nach mehr Tempo-30-Zonen ist schwierig zu verwirklichen. Und beim Traum mancher Kommunalpolitiker, das Tempo auf der Nord-Süd-Achse zu bremsen, winkt Bosse ab. "Tempo 30 auf sieben Kilometern Länge, das setzen Sie nicht durch." Breitere Fuß- und Radwege sind gerade im Bau, die Fahrbahn wird verengt.
Wie unterschiedlich die Wünsche sind und wie schwierig die Entscheidungen, zeigt sich seit der Kommunalwahl im Mai, bei der die CDU ihre absolute Mehrheit verlor. Den jahrelang geplanten Autobahnanschluss für das neue Stadtzentrum Norderstedt-Mitte und die Ortsumgehung für den Stadtteil Garstedt wischte die neue Stadtvertretung kurzerhand vom Tisch. Von den Maßnahmen hatte sich die CDU eine Entlastung der Einwohner vom Verkehr und Lärm versprochen. Und der seit mindestens 30 Jahren geplante Umbau einer der verkehrsreichsten Kreuzungen am Übergang von Hamburg nach Norderstedt droht hinausgeschoben zu werden, weil ein Einzelhändler gegen das Vorhaben klagt.
Das Aus für den Autobahnanschluss sieht der Stadtrat unter dem Gesichtspunkt der Lärmvermeidung nicht als entscheidend an. Viel wichtiger sei es, den Straßenring um die Stadt, in der es sehr viele Gewerbeflächen mit viel Lastwagenverkehr gibt, fertig zu bauen. Dann werde es möglich, Lastwagen aus Wohngebieten zu verdrängen. (dpa/cd)