Gläser klirren, Geschirr scheppert - in Windeseile räumt Michaela Krüger mit ihren Mitarbeitern die Schränke ihrer Gaststube im niedersächsischen Hitzacker leer. "Ich kämpfe, ich will es schaffen", sagt die 36 Jahre alte Gastwirtin. Über Nacht sind auf der Altstadtinsel zahlreiche Keller voll gelaufen. Moderne Schutzanlagen gibt es in dem Elbestädtchen noch nicht.

Höherer Pegel als 2002 erwartet
Die Flut kam mehrere Tage früher als erwartet und droht, die "Jahrhundertflut" vom August 2002 zu übertreffen. Am Nachmittag stand der Pegel bei 7,30 Meter. "Für Samstag auf Sonntag rechnen wir mit dem Hochwasserscheitel in Hitzacker um 7,70 Meter Pegelstand", sagt Wolfgang Piepenburg vom Niedersächsischen Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz. Verantwortlich dafür seien das sehr hohe Wasser in den Nebengewässern der Elbe, Regen und die Schneeschmelze. Beim August-Hochwasser des Jahres 2002 wurden an der Elbe gut 7,50 Meter gemessen. Damals stand das Wasser in einigen Straßen Hitzackers bis zu 1,50 Meter hoch.
Hektisch ist es in der sonst so beschaulichen Fachwerkstadt Hitz acker, für die geplante Hochwasser-Schutzmaßnahmen noch nicht umgesetzt sind. Im Eiltempo schieben Anwohner ihre mit Sandsäcken vollgepackten Schubkarren durch die Altstadt. Das Wasser steigt Zentimeter um Zentimeter. Überall hängen Schläuche aus Kellerfenstern und spülen das Wasser auf die Straße. Freiwillige Helfer füllen Sandsäcke. "Ich bin runtergekommen, um zu helfen, weil es schlimm ist für die Anwohner", sagt Angelika Heigel, die im oberen Teil der Stadt lebt.
Seit einer Woche hat Norbert Erler vorgesorgt: Rund 600 Sandsäcke beschweren eine Plane, mit der er sein Haus abgedichtet hat. "Schlecht ist, dass wir nicht wissen, wie hoch es kommt." Im August 2002 stand das Wasser zwar nur fünf Zentimeter in seinem Haus, aber den Ärger hat er nicht vergessen. "Es zieht bis einen Meter hoch in die Wände. Wir hatten einen Schaden von 12 000 Euro." Daraus ist Erler klug geworden: Die Fliesen seines Hauses sind jetzt leicht abschüssig verlegt, sodass das Wasser ablaufen kann. Eine Pumpe steht schon bereit. Problematisch werde es, wenn beim Pegelstand von 7,40 Meter der Strom abgeschaltet werde.
Auch Gastwirtin Krüger hat inzwischen Routine. "Die Schränke werden aufgebockt, Tische und Stühle ins Obergeschoss gebracht." Sie fühlt sich nicht allein gelassen, aber die Nerven sind bis aufs Äußerste angespannt. Seit einer Woche schon schauen täglich bei ihr Mitarbeiter des Technischen Hilfswerks (THW) und der Stadt mehrfach vorbei, geben Tipps, stellen Gerät zur Verfügung und packen mit an. Mehrere Zentimeter steht ihre direkt an der Jeetzel gelegene Gaststube schon unter Wasser. THW und Feuerwehr pumpen es zurück in den Fluss. "Wir wollen versuchen, dieses Niveau zu halten", sagt Krüger.

Katastrophenalarm ausgelöst
Angesichts des steigenden Wassers hat der Landkreis gestern Nachmittag eine Katastrophenwarnung ausgerufen. Noch reiche die Zahl an Hilfskräften aus, sagte eine Sprecherin. Bundeswehr und Hilfsorganisationen stünden parat. Der Kreis hatte bereits am Mittwochabend wegen der gefährdeten alten Deichstrecke von mehr als zwölf Kilometern Voralarm ausgelöst. Hitzackers Gemeindebürgermeister Jochen Langen-Deichmann sagt: "Der Landkreis hätte längst Katastrophenalarm auslösen müssen. Die Prognosen sind katastrophal, sodass wir nicht wissen, was auf uns zukommt."