Vielleicht lag es an der Schlaflosigkeit. Erst um ein Uhr war man Dienstag aus der CDU-Zentrale gekommen und um acht Uhr früh stand man gestern schon wieder im SPD-Hauptquartier, das man, so die allgemeine Erwartung, kaum vor dem Morgengrauen wieder verlassen würde. SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles, designierte Arbeitsministerin, holte sich den Vergleich auch beim Fußball: "Wir wollen keine Verlängerung."

Was ihren CSU-Kollegen Alexander Dobrindt auf den Plan rief: Ob es eine Verlängerung gebe, entscheide am Ende der Spielstand. Etwa das angestrebte Unentschieden? Egal, er habe jedenfalls seine Zahnbürste eingepackt, sagte Dobrindt. Das machen Fußballspieler bei Verlängerungen ebenfalls eher nicht. Das ganze Bild mit dem Fußball war irgendwie schief.

Kurz bevor Merkel am Stadion, pardon, Verhandlungsort eintraf, ließ die Polizei noch einen Sprengstoffhund durch den Hans-Jochen-Vogel-Saal schnüffeln, in dem alles für das Drama angerichtet war. Kaffee, Wasser, Schnittchen, Nebenräume für Sechs-Augen-Gespräche unter den drei Parteichefs. Gefunden wurde nichts, auch nicht bei dem jungen Mann, der sich bis auf die Unterhose nackt vor dem Eingang der SPD-Zentrale aus einem Auto fallen ließ, um gegen irgendetwas zu demonstrieren.

Medienwirksam, denn dort warteten an die 30 Kameras auf den Einlauf der Teams. Ein Flitzer sozusagen. Dass der Spürhund nichts fand, war kein Wunder, denn der Sprengstoff steckte in Merkels Tasche und in den Aktentaschen der anderen 74 Unterhändler, in Gestalt nämlich des Entwurfs des Koalitionsvertrages. Er umfasste nach dem elf Stunden dauernden Beratungsdurchlauf am Montag zwar nur noch 173 statt 177 Seiten, enthielt aber immer noch fast so genauso viel Konfliktpotenzial wie vorher.

Im letzten Entwurf, der am Dienstagfrüh um 0.20 Uhr vom Redaktionsteam verschickt wurde und der RUNDSCHAU vorliegt, waren politisch umstrittene Punkte gelb markiert, finanziell ungeklärte Fragen rot. Es sind Farben, die im Fußball den Spielfluss eher nicht befördern. Aber aus 50 Milliarden Euro Wünschen musste ein realistisches Programm mit nur 15 Milliarden Euro Zusatzausgaben gemacht werden, "denn das ist hier kein Wünsch-Dir-Was", wie Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) sagte.

Es gab immerhin schon einige Kapitel, in denen alles geklärt war. Die Wirtschaftspolitik etwa, ebenso die Gesundheit und Pflege, die Mieten inklusive Mietpreisbremse, Europa und das Internationale.

Agrar- und Verbraucherpolitik standen ebenfalls weitgehend, auch weil die SPD hier bei den Beratungen am Montag auf das totale Verbot der grünen Gentechnik ebenso verzichtet hatte wie auf ein Verbandsklagerecht im Tierschutz. Auch bei den Managergehältern lenkten die Sozialdemokraten ein und verzichteten auf eine Vorschrift, nach der die Aufsichtsräte festlegen müssen, um wie viel die maximale Vergütung über den Arbeitnehmereinkommen sein darf.

Dafür setzten sie durch, dass bis 2020 die Rentenwerte in Ost und West angeglichen werden. Rot oder Gelb wimmelte es hingegen in der Schlussphase noch in den zentralen Kapiteln Energie, Arbeit (Mindestlohn), Soziales mit Mütterrente, Familie und Verkehr. Meist sogar beide Farben. Außerdem fehlten immer noch zwei ganze Kapitel: Eine Präambel mit salbungsvollen Worten über Sinn und Zweck des neuen Regierungsbündnisses am Anfang und eine Liste mit der Verteilung der Ressorts auf die drei Parteien CDU, CSU und SPD am Ende.

Bei der Maut immerhin gab es einen Durchbruch, denn die Sozialdemokraten akzeptierten nun, dass 2014 ein Gesetz für die Einführung einer Vignette verabschiedet werden "soll" (nicht muss), aber "mit der Maßgabe, dass kein Fahrzeughalter in Deutschland stärker belastet wird". Außerdem müsse die Ausgestaltung EU-rechtskonform erfolgen. Das, glaubt man in der SPD, kriegt auch CSU-Chef Horst Seehofer nicht hin.

"Die großen Brocken liegen vor uns", sagte SPD-Unterhändler Hubertus Heil, von Knackpunkten sprach NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft, von ganz dicken Brocken SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach. Sportkenner sprechen da von einem schweren Geläuf. Ausführlicher Spielbericht folgt.