Plötzlich steht er da im Gang des Flugzeuges, in der dunkelgrauen Wolljacke für unterwegs, die linke Hand in der Hosentasche, und legt los. Guido Westerwelle doziert über eine höchst komplizierte diplomatische Gemengelage, in der die EU und Russland darum rangeln, das zweitgrößte Land des Kontinents, die Ukraine, auf ihre jeweilige Seite zu ziehen.

Und mittendrin der Fall Julia Timoschenko, die inhaftierte ehemalige Ministerpräsidentin, die schwer krank ist. Der Name Putin taucht mehrfach auf, als Gegenspieler. Und immer wieder sagt Westerwelle, dass es hier um eine "strategische", sogar "geostrategische", in jedem Fall "historische Frage" geht. Also ein Job, gerade groß genug für den 51-jährigen FDP-Politiker.

Guido Westerwelle kann nicht bescheidener, konnte er nie. Auch nicht jetzt, da er abgewählt ist, politisch tot, Schnee von gestern. Positiv gesagt: Er erledigt seinen Job professionell bis zum Schluss, er will ihn, wie er es formuliert, anständig zu Ende bringen.

In seinem Amt haben sie eine echte Veränderung nicht bemerkt. Morgens finden die Presseunterrichtungen wie gewohnt statt. Und keiner weiß etwas über künftige Pläne. "Wirtschaft", tippt ein enger Mitarbeiter. "Erst mal eine längere Auszeit" ein anderer. Politik sagt keiner. Und das bei einem, der die FDP seit fast 20 Jahren geprägt hat. Ein Kaliber der deutschen Politik wie sonst nur noch Joschka Fischer, Oskar Lafontaine oder Gregor Gysi.

Dass es in ihm brodelt nach diesem plötzlichen Ende merkt man, wenn er im vertraulichen Gespräch sagt, er wolle niemandem eine Schuld zuweisen. Obwohl es da manches zu sagen gebe. Er will schon anfangen, aber dann bricht er den Gedanken doch ab. Er weiß, dass er jetzt besonders beobachtet wird.

Am Tag nach dem Wahldesaster flog der Noch-Außenminister wie geplant zur UN-Vollversammlung. Die großen Weltthemen. Er ließ sich in New York nicht anmerken, dass seine eigene Welt gerade zerbrochen war. Kurz danach war er in Bonn und wickelte sein Wahlkreisbüro ab. Danach ein letzter Besuch in Afghanistan.

Während der Ukraine-Reise erörtern einige seiner Mitarbeiter mit den Journalisten Nachfolge-"Hitlisten". Im Moment liegt Ursula von der Leyen vorne, vor Wolfgang Schäuble.

Der Besuch in Kiew ist wahrscheinlich der letzte ernsthafte Auftrag für Westerwelle. Danach kommt nur noch ein belangloses Asien-Europa-Treffen in Neu-Delhi, und ein bisschen EU. Dabei ist Westerwelle noch gut dran. Die anderen Minister, die ebenfalls alle nur noch geschäftsführend im Amt sind, haben praktisch gar nichts mehr zu tun. Die Außenpolitik aber dreht sich immer weiter, egal wie Deutschland gewählt hat.

Konkret naht der EU-Gipfel am 22. November in Vilnius, bei dem Europa entscheiden muss, ob es die Ukraine als assoziierten Partner akzeptiert. Westerwelle soll mit dafür sorgen, dass das klappt. Aber das Treffen selbst wird er wahrscheinlich nur noch am Fernseher verfolgen können. Es ist ein großes Rad, an dem er da noch einmal dreht. Russland lockt Kiew mit einer Zollunion von der EU weg und droht im Hintergrund mit dem Schließen des Gashahns. Deutschland kommt in diesem Ringen eine Schlüsselrolle zu. Jetzt also ihm.

Tatsächlich dauert das Gespräch mit dem ukrainischen Präsidenten Viktor Janukowitsch fast eineinhalb Stunden, viel länger als geplant. Ein riesiger Pulk aus Kameras und Mikrofonen zeichnet hinterher Westerwelles von feiner Diplomatie durchwirkte Worte auf: "Es war der gegenseitige Wille mit Händen zu greifen, die letzten Hürden auszuräumen", sagt er. Abends wird das im ukrainischen Fernsehen zu sehen sein, so wie es oft war in den mehr als 100 Ländern, die er bereist hat.

Ein Mann und seine Mission. Einer der Knackpunkte ist die unerbittliche Fehde zwischen Timoschenko und Janukowitsch. Sie könnte den Prozess der Annäherung der Ukraine an Europa verhindern und damit das ganze EU-Konzept der "Östlichen Partnerschaft" auch zu Georgien, Aserbaidschan, Moldawien und all den anderen zu Fall bringen. In dem Konflikt hat sich Westerwelle persönlich engagiert, worauf er mehrfach hinweist. Bescheiden war er nie.

Sein Angebot an Janukowitsch: Ausreise der bereits verurteilten Ex-Ministerpräsidentin zur medizinischen Behandlung nach Berlin, und zwar "aus humanitären Gründen". Es ist eine Formel, mit der der Präsident sein Gesicht wahren kann. Nicht ungeschickt. Aber auch Timoschenko muss mitspielen; sie darf die Situation nicht ausnutzen, um über den Präsidenten zu triumphieren. Westerwelle trifft deshalb am Freitag in der deutschen Botschaft auch die Tochter Jevgenija. Und zwischendurch Box-Weltmeister Vitali Klitschko, der in der Ukraine eine bürgerliche Partei führt.

Zum letzten Mal erledigt Westerwelle in Kiew den Job der Pendeldiplomatie, der Alltag und zugleich die hohe Kunst der Außenpolitik ist. Die Zeichen, dass Timoschenko bald freikommen könnte, standen schon vor der Reise gut, und sie stehen jetzt noch besser. "Ich erkenne die Absicht, dass dieser Fall gelöst wird", teilt Westerwelle mit. Die Gespräche seien schon sehr konkret geworden.

Schade, dass er die frühere Regierungschefin nicht aus dem Haftkrankenhaus abholen und gleich mitnehmen kann im Regierungsflieger. Was wäre das doch für ein schöner Abschluss gewesen. Ein bisschen wie das große Vorbild Hans-Dietrich Genscher, der einst die Prager Botschaftsflüchtlinge befreite. "Historisch", würde Westerwelle wohl sagen. Hat aber nicht sollen sein.