Nizza, Würzburg, Ansbach - die Terrorattacken der vergangenen Wochen haben Deutschland sensibler für die Gefahr islamistischer Attentate gemacht. Jetzt sorgte am Mittwoch ein schlimmer Verdacht im brandenburgischen Eisenhüttenstadt für Wirbel.

Vermeintliches Ziel: Stadtfest

Alles schien zusammenzupassen: ein Mann, der in Wallegewändern für den Islam wirbt und Pyrotechnik in der Wohnung hat. Das Stadtfest nächste Woche - Höhepunkt des Jahres und in der zynischen Logik von Verbrechern ein ideales Terrorziel. Und irgendwann war es dann in der Welt: das Gerücht eines geplanten Nagelbombenanschlages von der Hand eines 27-jährigen deutschen Islam-Konvertiten.

Wenige Stunden später stellte sich diese Befürchtung als falsch heraus. Doch da hatte Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke den Spekulationen schon ein sehr großes Echo verschafft. Der SPD-Politiker hatte vor den Mikrofonen von Journalisten vom Verdacht eines "geplanten terroristischen Aktes" gesprochen. Die Reporter waren an diesem Tag sehr nahe an dem Landesvater dran, weil er mit ihnen eine Pressereise zu Stationen des Lutherjahres 2017 unternahm.

Was war geschehen? So wie es aussieht, hat jemand im Umfeld des Eisenhüttenstädters die Polizei eingeschaltet und dem Mann unterstellt, er bereite Terror gegen das Stadtfest vor.

Polizeisprecher Ingo Heese sagt dazu nur: "Wir haben als Polizei Hinweise bekommen, dass in Eisenhüttenstadt ein 27-Jähriger unbekannte Sprengstoffe bei sich in der Wohnung gelagert haben soll. Diesen Hinweis haben wir natürlich sehr, sehr ernst genommen."

Ein Spezialeinsatzkommando rückte aus und nahm den 27-Jährigen fest. Die Straße des Mannes wurde gesperrt. Sie führt pikanterweise auch noch zur Zentralen Erstaufnahmeeinrichtung des Landes Brandenburg für Flüchtlinge. Rund ein Dutzend Polizeifahrzeuge rollten vor.

Nachbarn erzählen freimütig, dass der Mann aus der Wohnung häufiger mal ein weißes wallendes Kleid trug. Ein anderer Eisenhüttenstädter berichtet, der 27-Jährige ohne jeden Migrationshintergrund habe Exemplare des Korans verschenken wollen. Ein Baustein fügt sich zum nächsten. Woidke befeuert die Spekulationen, indem er sagte, dass die Polizei einen geplanten Terrorakt befürchte, der einen islamistischen Hintergrund haben könnte.

Die Polizei vor Ort hielt sich da bedeckter. Der Polizeisprecher spricht von einem Verdacht des Verstoßes gegen das Sprengstoffgesetz. Nach Abschluss der Durchsuchung bilanzierte der Polizeisprecher: "Wir haben keine gefährlichen Sprengstoffe und Sprengmittel und auch keine Vorbereitungshandlungen für einen Anschlag gefunden. Lediglich Pyrotechnik, die er in seiner Wohnung aufbewahrt hat, in ganz kleinen Mengen." In Berichten ist von zwei Böllern die Rede. Wenn das so ist, könnte der 27-Jährige Opfer einer falschen Bezichtigung sein.

Auf jeden Fall konnte die Polizei beweisen, dass sie bei Terrorverdacht ihre Kräfte schnell und zahlreich auffahren kann. Innenminister Karl-Heinz Schröter (SPD) dankte den Beamten: "Auch wenn sich bei den anschließenden polizeilichen Maßnahmen erhebliche Gefährdung glücklicherweise nicht bestätigt hat, war der Einsatz auch in diesem Umfang richtig und gerechtfertigt. Ich danke allen beteiligten Einsatzkräften für ihre Arbeit."

Keine komplette Entwarnung

Zudem wollte das Ministerium keine komplette Entwarnung geben: "Es gibt auch Hinweise auf eine mögliche Nähe zum Islamischen Staat. Deshalb hat der Staatsschutz die weiteren Ermittlungen übernommen."

Der 30 000-Einwohner-Ort zeigte demonstrativ unbeeindruckt: Man halte an der Ausrichtung des Stadtfestes fest. "Die Planung läuft erst einmal weiter", hieß es von der Pressestelle noch während des Polizeieinsatzes.