ImOktober 1987 nahm Nicole Bernstein zusammen mit 31 weiterenFrauen die Männerbastion Bundesgrenzschutz (BGS) ein und war eineder ersten Frauen, die dort zur Polizeihauptwachtmeisterinausgebildet wurden. 15 Jahre nach Dienstantritt wurde sie imDezember 2002 zur Polizeirätin im BGS ernannt. Als erste Frau inDeutschland schaffte die 34-Jährige den Aufstieg bei der Polizeides Bundes vom mittleren über den gehobenen zum höheren Dienst.
Im BGS-Amt Halle verfolgt die blonde Frau als Leiterin derInspektion Kriminalitätsbekämpfung mit 80 Beamten dieorganisierte Kriminalität in Westsachsen, Sachsen-Anhalt undThüringen. Tag für Tag fahndet sie nach Menschenhändlern. WieDrogenkriminalität und Prostitution werfen Schleusungen immenseillegale Gewinne ab. "Es fließt sehr viel Geld", sagtPolizeihauptkommissar Norbert Lindner, "die Einnahmen sind nachSchätzungen vergleichbar mit den Erlösen der Deutschen Bahn imReiseverkehr." Die Höchststrafe für bandenmäßiges Schleusen liegtbei zehn Jahren Haft. 2001 registrierte der BGS 2463Schleusungen, bei denen 9164 Ausländer über die Grenze kamen.
"Frauen sind mittlerweile im BGS Normalität, und das ist gut so",sagt Nicole Bernstein. Die selbstbewusste Frau lässt sich nichtunterkriegen. Bei ihrer Ausbildung erlebte sie in einerHundertschaft "Chauvinismus pur" und bestand deshalb auf einemWechsel in eine andere Einheit. Inzwischen liegt der Frauenanteilunter den rund 30 000 Beamten bei 25 Prozent. "Hier in den neuenLändern werden Frauen als Vorgesetzte besser akzeptiert",vermutet die Kielerin, "schon in der DDR waren viele Frauenganztags arbeiten."
Die Schicksale der Menschen, die sich für viel Geld nachDeutschland schmuggeln lassen, lernte die junge Frau schon früherkennen. Sie leitete von 1996 an für zwei Jahre beim BGS inOstsachsen eine Dienstgruppe an der EU-Außengrenze zu Polen. "Dasmenschliche Elend ist enorm", sagt sie. "Das jüngste Kind, dasich an der Grenze entdeckt habe, war erst wenige Wochen alt,seine Mutter hatte noch eine entzündete Kaiserschnittnarbe."
Später organisierte sie als Sachbearbeiterin beimInnenministerium den Umzug von Bonn nach Berlin mit und kam nachein paar Monaten beim BGS auf der Insel Rügen sowie derAusbildung zur Polizeirätin in Lübeck und Münster-Hiltrup imSommer vorigen Jahres nach Halle. Alle Umzüge bewältigte auchPapermoon, ein mittlerweile elf Jahre alter Traberwallach. "Erist zum Schimmel ergraut und verbringt seinen Lebensabend beimir", sagt sie lächelnd. "Ihm geht es prächtig." Schon als19-Jährige hatte sie sich vor Dienstantritt gewünscht: "MeinPferd muss mit." Damals war Wallach Cappuccino ihr Begleiter.
Die Entscheidung für die Polizei des Bundes fiel, als sie kurzvor dem Abitur in den "Kieler Nachrichten" eine kleine Meldunglas: "BGS stellt Frauen ein." Der damalige InnenministerFriedrich Zimmermann (CSU) entschied zunächst, dass die Frauenbei Großdemonstrationen nicht eingesetzt werden sollen, das seizu gefährlich. Zu Beginn gab es auch keine Dienstkleidung fürFrauen.
In ihrer Freizeit beteiligt sich Nicole Bernstein regelmäßig anVergleichsschießen und belegt bei internationalen Wettkämpfenvordere Plätze. Doch das ist nur ein Hobby unter vielen. Seitetwa einem Jahr betreibt sie mit großer Freude Inline-skating."Das ist mein Sport, ich habe ihn gesucht und gefunden." Auchdabei will sie hoch hinaus. Kurze Strecken von fünf Kilometernsind nicht ihre Sache. "30 Kilometer müssen es schon sein", sagtdie Polizeirätin, "Ziel ist die Marathondistanz."