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| 15:53 Uhr

„Nichts schreiben, was sich gegen die SED richtete“

Medienforscherin Anke Fiedler
Medienforscherin Anke Fiedler FOTO: Privat
Cottbus. Ihr erstes Leben führte die RUNDSCHAU ab 1946 bis 1990 als Parteizeitung der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) in der DDR. Die Kommunikationswissenschaftlerin Anke Fiedler erklärt, wie die Staatsführung der DDR Einfluss auf die RUNDSCHAU-Redaktion nahm. Oliver Haustein-Teßmer

Anke Fiedler (35) ist Expertin für die Funktionsweise der DDR-Presse. Im Interview mit der RUNDSCHAU erläutert die Kommunikationswissenschaftlerin an der Université libre in Brüssel Spielräume des gelenkten Journalismus im Sozialismus und belegt die Einflussnahme der DDR-Staatsführung bei der RUNDSCHAU.

Was unterscheidet die Presse in der DDR von 1949 bis 1990 von den heutigen, unabhängigen Medien?

Anke Fiedler: Presse in der DDR war in erster Linie Parteipresse, die Tageszeitungen waren Organe von politischen Parteien, mehrheitlich natürlich von der SED. Heute gibt es zwar auch Parteipresse, aber die ist sehr klein und überschaubar.

Sie sprechen von politischer Öffentlichkeitsarbeit in der DDR im Gegensatz zum westlichen, freien Journalismus. Gab es bloß Propaganda im Osten?

Anke Fiedler: Da muss man natürlich differenzieren. Die SED hat sich selbst auf ihre Fahnen geschrieben, dass der Journalist Agitator und Propagandist zu sein und den Sozialismus mit aufzubauen habe. Wir haben allerdings in Zeitzeugengesprächen, in den Zeitungen und durch die Aktenlage festgestellt, dass es durchaus Zeiten gab, in denen die Medien in der DDR freier waren und in denen sie weniger frei waren.

Woran lag das?

Die politische Großwetterlage in der DDR hat sich ja über 40 Jahre sehr stark verändert. Es hieß beispielsweise in den DDR-Medien nicht immer: ‚der böse Westen, die bösen Imperialisten‘. Die 50er Jahre waren ja gekennzeichnet durch die Massenflucht. Viele DDR-Bürger sind in den Westen geflohen. Dann wurde dem durch den Bau der Mauer ein Ende gesetzt. Dadurch trat eine Phase der Entspannung ein. Das machte sich dann auch in der Berichterstattung bemerkbar.

Betraf das dann auch politische Berichterstattung?

Die Berichterstattung wurde jeweils entsprechend der aktuellen Interessenlage angepasst. Gerade in den 50er- und 60er-Jahren hat die SED-Presse auf Persönlichkeiten aus dem Westen eingedroschen wie Franz-Josef Strauß (CSU-Politiker, Bundesminister und bayerischer Ministerpräsident, lebte von 1915 bis 1988, die Red.). In den 80er-Jahren, als sich in der DDR eine wirtschaftliche Krise anbahnte und zwei Milliardenkredite von der BRD mit Hilfe von Strauß bewilligt wurden, war der auf einmal anerkannter Staatsmann. Den lud der SED-Chef und Staatsratsvorsitzende Erich Honecker (lebte von 1912 bis 1994, die Red.) zu sich auf die Jagd ein, das kam auf der Titelseite des Neuen Deutschlands.

Wie weit ging denn die Einflussnahme in den Redaktionen?

Die SED hat zentral in Berlin Argumentationsanweisungen für die Presse entwickelt, und diese Anweisungen gingen auch an die Bezirke. Die wurden meistens per Fernschreiber verschickt.
Honecker mischte sich auch persönlich ein.

Erich Honecker war in den 80er Jahren besonders erpicht darauf, selbst genau drauf zu gucken, weil er wusste, dass die Zeitungen auch im Westen als Sprachrohr der SED ausgelegt werden. Außerdem war er selbst Journalist gewesen, als junger Funktionär der Kommunistischen Partei im Saarland vor dem Zweiten Weltkrieg. Er hat sich berufen gefühlt, da hinein zu redigieren, vor allem im "Neuen Deutschland". Das ND hatte eine wichtige Funktion für die SED-Bezirkspresse als Leitmedium.

Haben Sie ein Beispiel?

Erich Honecker, damals schon der zweiter Mann in der DDR, hat 1965 Hermann Axen, der Chefredakteur des Neuen Deutschlands war, zur Rechenschaft gezogen. Die LAUSITZER RUNDSCHAU hatte eine Rede von Axen über den Gewinnplan der Industrie der Stadt Cottbus abgedruckt, die nicht in die offizielle SED-Doktrin passte. Dann hat sich Axen bei Honecker beschwert, dass seine Rede in der LR falsch abgedruckt worden sei.

Gab es da Konsequenzen?

Meistens wurden dann Rügen ausgeteilt. Wenn es wirklich gravierend war, wurde eventuell auch mal jemand suspendiert oder in eine andere Redaktion versetzt oder musste in die Produktion. Das war vor allem in den 50er-Jahren der Fall. Im Laufe der Zeit hat sich der DDR-Mediensektor so professionalisiert, dass das gar nicht mehr nötig war.

Das heißt, die DDR-Journalisten haben funktioniert?

Ja. Dabei ging es nicht nur um Anleitung der Zeitungen, sondern auch um Nachzensur. Im Zentralkomitee gab es für jede Zeitung, auch für die LAUSITZER RUNDSCHAU, eine Person, die musste jeden Tag die Zeitung von A bis Z durchlesen und gucken, ob da irgendwas drinsteht, was eventuell nicht mit der SED-Parteilinie konform sein konnte. Danach wurde die Evaluation auch an die Bezirke geschickt. 1965 besuchte der damalige DDR-Staatsratschef Walter Ulbricht Ägypten. Die LAUSITZER RUNDSCHAU brachte das Besuchsprogramm nicht wie vorgeschrieben weniger prominent auf der vierten Seite, sondern auf der ersten Seite. Das wurde dann kritisiert.

Wie kam so etwas bei den Redakteuren an?

Die Journalisten wollten diese Bewertungen auch, weil sie dadurch wussten, wie sie sich eventuelle Rügen ersparten. Ein Beispiel aus dem Jahr 1983: Der Allgemeine Deutsche Nachrichtendienst (ADN), die einzige staatliche Nachrichtenagentur in der DDR, hatte eine Terminvorschau für die Woche für die Bezirkspresse eingeführt. Darin erfuhren die Chefredakteure schon am Montag, worüber man am Donnerstag berichten musste. Der ADN führte dann Gespräche mit sechs Chefs von Bezirkszeitungen, darunter der damalige Chefredakteur der LAUSITZER RUNDSCHAU, der sich herzlich für diese Vorschau bedankte. Daran merkt man, dass dieser Abstimmungsmechanismus auch eine Art Rückversicherung für die Journalisten war.

Auch die Staatssicherheit, der DDR-Geheimdienst, hat in den Redaktionen kontrolliert. Für die RUNDSCHAU ist das belegt. Es gab Spitzel, die Kolleginnen und Kollegen überwacht und teilweise intime Informationen an die Stasi weitergeben haben. Wie bewerten Sie das?

Ich kenne die Studie von Michael Heghmanns und Wolff Heintschel von Heinegg ("Der Staatssicherheitsdienst in der Lausitzer Rundschau", 2003, die Red.). Beide kommen zu dem Schluss, dass das MfS tatsächlich eher einen geringen Einfluss auf die Lausitzer Rundschau hatte. Das gilt so oder ähnlich auch für andere Zeitungen. Dort war die Gefahr, dass Spionage für den Westen betrieben wurde, eher gering. Man darf nicht vergessen, man wurde in der DDR nicht Journalist, wenn man prinzipiell oppositionell eingestellt war.

Was interessierte die Stasi in der Redaktion?

Es ging dem Geheimdienst um die Kontakte der Journalisten, die im Künstler-Milieu zu tun hatten oder mit Sportlern befreundet waren und mit denen auf Reisen gingen, auch teilweise in den Westen. Die Stasi wollte dann natürlich, dass die ihre Quellen abschöpfen. Manche Journalisten durften als Reise-Kader in den Westen. Dann sollten sie berichten, was sie dort gesehen und erlebt hatten. Aber insgesamt waren nach meiner Kenntnis im Vergleich zu anderen Betrieben in der DDR in den Redaktionen eher wenige Inoffizielle Mitarbeiter (so nannte das DDR-Ministerium für Staatssicherheit Spitzel, die Red.) tätig.

Sie haben für eine Studie DDR-Journalisten befragt. Wie sehen die rückblickend ihre Rolle?

Es gibt im Grunde drei Generationen von Journalisten in der DDR. Die ersten, die wurden Anfang des 20. Jahrhunderts geboren - Journalisten, die schon im Kaiserreich und in der Weimarer Republik für kommunistische Parteien tätig waren. Die rekrutierten dann aus der nächsten Generation, die in den 20er-, 30er-Jahren geboren wurde, junge Leute, die mit ihnen die neue Presselandschaft aufbauten, teilweise als ehemalige Mitglieder der Hitlerjugend umerzogen für den antifaschistischen Kampf. Die dritte Generation wiederum, so ab den 40er- und 50er-Jahren geboren, das waren Leute, die haben sich bewusst für den Journalismus entschieden, die fanden das toll. Viele wollten Sport- oder Kulturredakteure werden.

Politik oder Wirtschaft waren nicht so begehrt, oder?

Nein, eigentlich wollten alle immer Sportjournalisten werden. Man hat davon geträumt, da kommt man ja in der Welt rum, das war ja ein Privileg in der DDR. Die haben ein Volontariat gemacht, dann ein Studium in Leipzig absolviert. Deswegen waren sie professionelle Journalisten und im Verhältnis zu den ersten beiden Generationen nicht durchweg dogmatische Parteigänger. Dazu kommt, dass sich gerade die ersten beiden Generationen viel mehr als Parteisoldaten gesehen haben. Wie Paula Acker, Chefredakteurin der LAUSITZER RUNDSCHAU in den 50er-Jahren, eine der wenigen Frauen in dieser Position in der DDR. Sie wechselte relativ zügig in die Agitationskommission der SED-Führung zur Medienlenkung, ein typisches Muster.

Welchen Spielraum hatten Journalisten denn in der DDR?

Man sollte nichts schreiben, was sich gegen die SED richtete. Das war Grundkonsens. Es gab trotzdem Freiräume, und da spielte die SED-Bezirkspresse eine große Rolle.

Inwiefern?

Die Bezirkspresse wurde ja vom Westen nicht so stark wahrgenommen. Deswegen gab es Spielräume, vor allem im Lokalteil, der, was Interviews mit DDR-Bürgern gezeigt haben, ja einer der beliebtesten und wichtigsten Teile war…
… Ja, das ist heute noch so…
… Im Lokalteil fand man natürlich auch mal was Kritisches. Nicht am großen Ganzen, als Kritik am Sozialismus, an der SED. Aber wenn hier im Bezirk mal wieder Regale im Laden leer waren, dann konnte man darüber schon entsprechend was in der Zeitung finden. Das galt auch für Kultur oder Sport, die der SED nicht ganz so wichtig waren. Deswegen konnte man vielleicht auch mal eine Rezension über ein interessantes Buch oder ein Theaterstück bringen, das dann auch den Leser gefreut hat, weil es wegging vom politischen Einheitsbrei.

Was hatten die Leser von der Zeitung, auch wenn in der DDR vieles gesteuert war?

Gerade die Zeitungen in den Bezirken haben sehr viele Leserbriefe erhalten. Eingabe-Politik war in der DDR generell wichtig. Die Eingaben der Bürger wurden an die Parteistellen und staatlichen Behörden geschickt. Eine Anlaufstelle dafür war auch die Zeitung. Wenn jemand seit fünf Jahren auf eine neue Wohnung wartete, schrieb er einen Leserbrief und hoffte, dass der veröffentlicht wurde. Das passierte dann nicht unbedingt, aber das Schreiben wurde an die zuständigen Stellen weitergeleitet.

Hat das etwas genützt?

Damit konnte eine Zeitung schon etwas bewegen. Auch die lokalen Kleinanzeigen waren wichtig, wenn man jemandem etwas abkaufen oder einen Gegenstand vielleicht eintauschen konnte gegen etwas anderes. Und natürlich interessierten sich die Menschen wie heute auch dafür, was in ihrer unmittelbaren Umgebung passiert. Auch da bot die einem die Bezirkszeitung natürlich ein Fenster in die Nachbarschaft, in den Ort oder in den Bezirk, bis hin zu den Todesanzeigen.

Weiterführende Literatur:
Die Politologin Ariane Mohl hat im Auftrag des Landtags Brandenburg 2011 ein Gutachten zu den früheren SED-Bezirkszeitungen erstellt. Die Studie heißt "Personelle und institutionelle Übergänge im Bereich der brandenburgischen Medienlandschaft". Das 129-seitige Papier wurde kontrovers diskutiert . Die Autorin kritisiert darin, dass die Tagespresse die von der SED geschaffenen Strukturen und die Journalisten weitgehend übernommen habe. Mohl beschreibt auch die Entwicklung der LAUSITZER RUNDSCHAU von 1989 bis 2010 und geht auf die Geschichte der Zeitung in der DDR ein. Mohl bewertet die Aufarbeitung der Stasi-Vergangenheit im LR-Medienhaus positiv.

Gutachten Mohl Medienlandschaft