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| 01:02 Uhr

Nicht schuldig, aber verantwortlich

Wo sonst die Stenografen sitzen, lagen gestern große Blumengebinde. Mit einer bewegenden Gedenkfeier erinnerte der Bundestag an den 60. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz. Für Arno Lustiger war das Grauen damals noch nicht vorbei. Von Stefan Vetter

In den zehn Wochen bis zum offiziellen Kriegsende am 8. Mai durchlebte der jüdische Historiker die Hölle des Todesmarsches von Auschwitz und drei weitere Konzentrationslager. Schließlich wurde er von der US-Armee gerettet. Ebenso wie Bundestagspräsident Wolfgang Thierse erinnerte auch Lustiger im vollbesetzten Plenum an den weithin unbekannten jüdischen Widerstand gegen die Nazi-Diktatur. Dann schlug er eine Brücke in die Gegenwart. Als Mitbegründer der jüdischen Gemeinde in Frankfurt am Main vor 50 Jahren sei es ihm nicht im Traum eingefallen, dass Synagogen und Gemeindehäuser noch heute polizeilich bewacht werden müssten. Müssten die Verfassungsrichter "nicht ihre Samt-Handschuhe ausziehen", wenn es um die Feinde der Demokratie gehe?
Unter den Zuhörern waren auch 90 Schüler und Studenten. Mit Thierse und dem Bürgerrechtler Wolf Biermann, der beim Gedenken im Reichstag Lieder und Texte eines jüdischen Ausch witz-Opfers vortrug, diskutierten die Jugendlichen anschließend über die Zukunft der Erinnerungsarbeit. Dabei hielt die junge Generation mit ihrer Meinung nicht hinter dem Berg. Ein Mädchen aus Nordrhein-Westfalen klagte, dass sie erst in der 10. Klasse "wichtige Fakten" über das NS-Regime erfahren habe. "Das ist doch zu spät." Ein junger Mann kritisierte die schwache Finanzausstattung der KZ-Gedenkstätte Dachau. Dort würden sich jährlich 800 000 Besucher informieren. Immer mehr fragten nach einer individuellen Führung. Aber aus Kostengründen gebe es keine ausreichende pädagogische Betreuung. Andere verwiesen darauf, dass der Umgang mit der Nazi-Herrschaft auch eine Frage des Auftretens von Politikern oder Künstlern im Fernsehen sei. "Wenn da Ängste gegen Ausländer geschürt werden, dann haben die braunen Rattenfänger leichtes Spiel", meinte der 19-jährige Andreas Weiland aus Berlin.
Als Mitinitiator des Holocaust-Mahnmals am Brandenburger Tor versprach Thierse, sich für den Vorschlag einzusetzen, vergessene Opfergruppen wie Sinti und Roma, Homosexuelle und Behinderte mit einer Wanderausstellung zu ehren. Das Konzept dazu wollen die jungen Leute selbst erarbeiten.