Crystal Meth ist keine neue Droge. Kristallines Methamphetamin gibt es in vielen Ländern der Welt, unter verschiedenen Namen, "Crank" oder "Ice" in den USA, "Tik" in Südafrika, "Glass" in Asien. Auch in Deutschland ist Crystal eine Droge mit langer Geschichte, so soll etwa die Wehrmacht ihren "Blitzkrieg" auch dank des an die Soldaten verabreichten "Pervitins" durchgestanden haben - was später zu Millionen Abhängigen im Nachkriegsdeutschland führte.

Seine neue Ausbreitung in Deutschland erlebt Crystal seit rund zehn Jahren, ausgehend von Tschechien. Dort ist das billig herzustellende "Piko" oder "Pervitin" seit Jahrzehnten die führende illegale Droge. Schritt für Schritt weitet sich der Kreis der Konsumenten von dort aus: Sachsen, Ostbayern, die Lausitz, Thüringen, Sachsen-Anhalt - Berlin und München.

Sachsen, die erste Station der Droge auf dem deutschen Markt, meldete 2014 fast 5000 Verstöße mit Crystal Meth. Seit die Fälle dramatisch angestiegen sind, wird die Droge in der Kriminalstatistik gesondert erfasst. Brandenburg zog im vergangenen Jahr nach. Die Karte der Landkreise mit den Crystal-Fällen aus dem vergangenen Jahr spricht eine deutliche Sprache: 92 in Cottbus, 86 in Oberspreewald-Lausitz, 55 in Elbe-Elster, 34 in Spree-Neiße. Teltow-Fläming, Dahme-Spreewald und Oder-Spree sind noch nur leicht betroffen, der Rest der Karte weiß. "Die illegale Droge Crystal Meth ist im Land Brandenburg bislang vor allem in den südlichen Landesteilen festzustellen", teilt das Polizeipräsidium in Potsdam mit und verweist Fragen zum Thema lieber an die Direktion in Cottbus. Ähnlich sieht es im Zollfahndungsamt Berlin-Brandenburg aus. "Nach bisherigen Erkenntnissen wurde Crystal im Zuständigkeitsbereich des Zollfahndungsamtes Berlin-Brandenburg überwiegend im südlichen Brandenburg festgestellt", teilt Sprecherin Claudia Bandelow auf Anfrage mit.

Doch das ist nur eine Momentaufnahme. "Das Zeug ist auf dem Markt, es ist billig. Warum soll es sich nicht verbreiten", sagt Torsten Wendt, Sprecher der Polizeidirektion Süd in Cottbus. Ähnlich sieht das die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler (CSU). "Als ich mein Amt als neue Drogenbeauftragte zu Beginn des Jahres 2014 antrat, wurde ich in meinem Wahlkreis längst mit dem Problem Crystal Meth konfrontiert. In ersten Gesprächen mit Suchtexperten auf Bundesebene wurde jedoch auch deutlich, dass diese Problematik tatsächlich noch nicht über die deutsch-tschechische Grenzregion hinausgelangt war", so die Politikerin aus Oberfranken. Sie hat Crystal Meth bewusst zum Thema ihrer Jahrestagung gemacht, die vergangene Woche in Berlin stattfand. Ihre Erkenntnis: "Zwar sehen wir noch kein Überschwappen einer großen Welle auf das restliche Bundesgebiet, gleichwohl breitet sich Crystal insbesondere in Großstädten aus."

Berlin ist bereits jäh erwacht. Im Juli fand die Polizei in einer Wohnung 4,5 Kilogramm Crystal Meth. "In Berlin ist das der mit Abstand größte Fund", sagte Olaf Schremm, Leiter des Rauschgiftdezernats der Berliner Polizei. Drogen im Marktwert von fast 700 000 Euro. Da lässt sich das Problem Crystal nicht mehr kleinreden.

In der Lausitz ist man ohnehin schon viel weiter. Polizei und Zoll haben Meth längst auf dem Schirm. "Crystal ist in Sachsen bereits vor der Jahrtausendwende erstmals aufgetaucht und beschäftigt das Zollfahndungsamt Dresden seither stetig", erläutert Pressesprecherin Bianca Richter. Ein deutlicher Anstieg der Fallzahlen sei seit Mitte 2011 zu verzeichnen. Die Soko "Crystal" arbeitet seitdem in Dresden.

In den kommenden Monaten soll diese allerdings abgelöst werden. 15 zusätzliche Stellen wurden beim Zoll geschaffen, die das Thema Crystal in Angriff nehmen sollen.

Von Tschechien breitete sich die Crystal-Schwemme schrittweise aus. Die Polizei in Cottbus beobachtet in den vergangenen Jahren einen stetigen Anstieg der Drogendelikte, von 410 im Jahr 2013 auf 663 im vergangenen Jahr. "Alkohol und Cannabis sind die verbreiteten Suchtmittel, danach folgt schon Crystal", sagt Polizeisprecher Wendt. Cottbus spiele ähnlich wie Senftenberg eine wichtige Rolle als Zentrum für das Umland. Das Problem beschränke sich aber nicht auf einzelne Städte, so Marco Mette, Leiter des Kriminalkommissariats in Cottbus. Durch die Ausbreitung der künstlichen Drogen musste auch die Kriminalpolizei ihre Strukturen anpassen, Personal von anderen Aufgaben abziehen. In Senftenberg arbeitet seit März eine Ermittlungsgruppe Rauschgift.

Gleichzeitig mit den Fallzahlen steigt die Beschaffungskriminalität. Dass Cottbus eine Hochburg beim Fahrradklau ist, führt Mette zu gleichen Teilen auf osteuropäische Täter und die Beschaffungskriminalität Drogensüchtiger zurück. "Und bei den Tätern aus Osteuropa, die wir in der Grenzregion festnehmen, spielen Betäubungsmittel auch eine große Rolle", ergänzt Polizeisprecher Wendt. "Es ist ein grenzüberschreitendes Problem", sagt Mette. Polens Grenzregion sei genauso betroffen wie die deutsche.

Die Quelle Tschechien spielt auch hier eine zentrale Rolle. Von dort fließt der Drogenschmuggel in immer weitere Kreise. Bayern kennt das seit Jahren. Hier hat die Droge mittlerweile auch Nürnberg oder München erreicht. Das Land reagierte Mitte Oktober durch ein neues Abkommen mit Tschechien. "Dabei geht es uns insbesondere um eine noch bessere grenzüberschreitende Zusammenarbeit bei der Aufdeckung von Drogenlaboren, Drogenhändlerringen und Schmugglerrouten im Grenzgebiet", so Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU). Mit über zwölf Kilogramm sichergestelltem Crystal hat der Zoll in Bayern bereits bis Ende September einen neuen Rekord aufgestellt.

Lässt sich die Verbreitung von Crystal stoppen? Darüber haben am Mittwoch Sozialarbeiter, Ermittler und Experten beraten. Für Polizeisprecher Wendt ist klar: "Die Polizei alleine kann das nicht lösen. Das ist ein gesamtgesellschaftliches Problem."

Zum Thema:
Crystal gehört zur Gruppe der Amphetamine. Der Wirkstoff Meth amphetamin ist in der Szene auch als Meth, Crank oder Ice bekannt. Er versetzt in einen Erregungszustand. Nach dem Rausch leiden die Konsumenten oft an schweren Depressionen. Längerer Konsum kann zu schweren körperlichen und psychischen Schäden führen. Das hochgefährliche Rauschgift Crystal macht schnell süchtig. Die synthetische Substanz in kristalliner Form wirkt stark aufputschend, vertreibt Müdigkeit, Durst- und Hungergefühle. Die Droge kann geschnupft, geraucht, geschluckt oder injiziert werden.Die Europäische Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht in Lissabon erfasste 2013 fast 7000 Beschlagnahmungen von synthetischen Drogen, drei Mal so viele wie noch 2003. Methamphetamine verschiedener Art werden am meisten in Deutschland, Finnland, Estland und Kroatien konsumiert. Zudem erobert Crystal Amerika und Australien. In Japan und Thailand floriert laut der EU-Beobachtungsstelle der Handel.