Die Europäische Union gibt sich gelassen und entspannt auf ihrem letzen Gipfel 2014, als ob nichts gewesen wäre im zurückliegenden Jahr. Und vor allem: Als ob nichts kommen würde im nächsten.

Nach sieben Stunden ist die Versammlung beendet, der neue Ratsvorsitzende Donald Tusk hat mächtig aufs Tempo gedrückt. Ansonsten wirkt der Pole noch etwas unsicher. Ob er den Kurzgipfel als neues Format durchsetzen kann, wird bezweifelt.

Angela Merkel darf kurz nach Mitternacht nach Hause fliegen. Ihr Tag begann am Donnerstag um 7.30 Uhr mit dem ersten Termin in Berlin - ein bisschen müde wirkt die Kanzlerin.

Dabei kann sie zufrieden sein, Festlegungen und Kontroversen hat sie konsequent vermieden. "Darf ich die Gelegenheit nutzen, ein frohes und gesegnetes Weihnachtsfest zu wünschen?", sagt sie versöhnlich zu den Journalisten. Dann ist es vorbei. Wirklich nichts mehr zu bereden? Dabei stehen Europa turbulente Monate bevor. Griechenland? Diesmal noch kein Thema, auch wenn das Land, sollte die Präsidentenwahl scheitern, vor einer schweren Krise steht. Und damit die EU. Russland? Trotz der dramatischen Finanz- und Währungskrise, die das Land erfasst hat, sieht die EU keinen Anlass für eine andere Politik. Die Sanktionen bleiben, werden im Frühjahr wohl auch erneuert - es sei denn, Präsident Wladimir Putin knickt ein. Unwahrscheinlich.

Möglicherweise bleibt dieser Gipfel aber doch in Erinnerung. Einhellig wurde das von Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker vorgelegte mächtige Investitionsprogramm verabschiedet, das manche als Ende des Sparkurses in der EU feiern. Investitionen von 315 Milliarden Euro sollen damit angeschoben werden.

Frankreichs Präsident François Hollande hofft auf einen "Schneeball-Effekt", der die europäische Wirtschaft endlich wieder auf Wachstumskurs bringt. Wie seine linken Amtskollegen freut er sich darüber, dass die Kommission Gelder aus den Haushalten der Mitgliedsländer für diesen Fonds bei der Defizitberechnung nicht berücksichtigen will. Schulden für Wachstum sollen möglich sein.

Die Kanzlerin sieht das etwas anders. "Es gibt keinen Kurswechsel", sagt Merkel knapp. Mit einiger Beharrlichkeit hat die deutsche Seite im Schlussdokument des Gipfels einen Nebensatz durchgesetzt, den Berlin für wichtig hält. Kapitalbeiträge für den neuen Fonds müssten "notwendigerweise" mit den Regeln des Stabilitätspakts und den darin festgelegten Flexibilitätskriterien in Einklang stehen.

Auch die Formulierung, der Gipfel "nimmt Kenntnis" von der Haltung der Kommission, verbirgt kaum die unterschiedlichen Positionen. Am Ende ist es aber genau die Kommission unter ihrem Präsidenten Juncker, die über die Anrechnung zu entscheiden hat.

Nach dem Gipfel ist auch diesmal vor dem Gipfel. Dass es auch in Zukunft bei Kurzkonferenzen wie dieser bleibt, glaubt allerdings kaum jemand. Mehr als die großen EU-Länder, die ohnehin im regelmäßigen Kontakt stehen, legen die kleinen Wert darauf, gehört zu werden. Und das dauert eben.

Eher untypisch war diesmal auch das klassische Familienfoto der Staats- und Regierungschefs. Auf der Version, die Ratspräsident Tusk über Twitter verbreitete, war die Kanzlerin nicht zu entdecken. Andere Aufnahmen enthüllten dann, dass Merkel in der zweiten Reihe versteckt hinter dem slowakischen Premier Robert Fico stand. Merkel unsichtbar? Auch das dürfte beim nächsten Gipfel schon wieder ganz anders sein.

Zum Thema:
Wachstumsplan: Ein Geldtopf bei der Europäischen Investitionsbank soll Investitionen von 315 Milliarden Euro ermöglichen. Die Projekte und die Finanzierung müssen bis Juni 2015 festgelegt werden. Russland: Die Europäer halten an den Sanktionen gegen Moskau fest. Gleichzeitig wird die Tür für Gespräche offengelassen.Ukraine: Für die klamme Ukraine gab es keine weiteren Finanzzusagen. Steuern: Im Kampf gegen die Steuervermeidung will die EU-Kommission bis Juni 2015 einen Gesetzesvorschlag über den automatischen Informationsaustausch für Steuerabsprachen mit Konzernen vorlegen.