Denn dieses Sturmsystem konfrontiert auch erfahrene Meteorologen mit einigen Rätseln. "So etwas hatten wir wohl noch nie", sagen sie übereinstimmend. Und das Volk, das demnächst an die Wahlurnen eilen soll, hat sich jetzt erst mal auf den Weg in die Supermärkte gemacht, um dort Vorräte an Wasser, Batterien und Essbarem zu erwerben. Stromgeneratoren sind inzwischen längst ausverkauft in einer ganzen Reihe von Bundesstaaten, im Regierungsdistrikt Washington ist der Notstand ausgerufen und Einheiten der Nationalgarde wurden mobilisiert, um nach dem erwarteten Einbruch der Naturgewalten den Weg zurück in die Zivilisation zu ebnen. Vom Wahlkampf, von Obama und Romney ist jedenfalls derzeit im am dichtesten besiedelten Küstenstreifen des großen Landes nicht allzu viel zu hören in den Nachrichten.

Dabei hätten die Wahlkampfstrategen vorgewarnt sein können. Schon zweimal in diesem Jahr hat das Wetter während der Parteitage der beiden großen Parteien das Programm gehörig durcheinander gebracht. In Florida wurden die Republikaner von Romney durch einen Hurrikan gezwungen, einen ganzen Tag ausfallen zu lassen und in Charlotte mussten Obamas Demokraten wegen heftiger Regenfälle auf eine Massenkundgebung verzichten. Aber mit solch einem Sturm zum Ende Oktober, der dann auch noch einen völlig ungewohnten Weg nimmt, hatten sie nicht gerechnet. So streift jetzt Sandy durch einige der zwischen Obama und Romney höchst umstrittenen US-Staaten wie Virginia. Zumeist allerdings wird er sich vor allem in Obama-Hochburgen wie beispielsweise New York austoben.

Das wiederum wäre für den Präsidenten dann eine willkommene Entschuldigung dafür, wenn er wie einst Bush zwar zweiter Sieger bei den Stimmen im ganzen Land, aber dennoch Präsident durch die Wahlmänner der Staaten werden würde. Meine treuesten Anhänger waren mit dem Aufräumen beschäftigt, könnte er dann sagen. Das Sturmsystem, das jetzt mit einiger Entfernung zur Küste nordwärts strebt, wird am Sonntagabend Ortszeit eine scharfe Linkskurve machen. Das ist allerdings keine Vorhersage für den zukünftigen politischen Kurs des Landes. Eher schon ist da wohl die Prognose interessant, dass Sandy anschließend auf der Stelle tritt und dadurch erheblichen Schaden anrichten wird.