Auch ohne Gedenktafeln sind die Wunden, die der gewaltige Hurrikan vor einem Jahr in der Stadt im US-Bundesstaat Louisiana gerissen hat, weithin sichtbar. Noch immer sind viele Trümmer in New Orleans nicht weggeräumt, ganze Straßenzüge sind verlassen. Diejenigen, die in die zerstörte Stadt am Mississippi zurückgekehrt sind, fühlen sich mit ihren Sorgen alleingelassen. Verzweiflung und Gewalt greifen um sich. Und die Katastrophe vom 29. August 2005 hat die Gegensätze zwischen schwarzer und weißer Bevölkerung aufbrechen lassen.
Gras ist über einige Fundamente gewachsen, auf denen vor dem Hurrikan im vergangenen Jahr Häuser standen. Ein Wiederaufbauplan für die Stadt ist immer noch nicht beschlossen. New Orleans' Bürgermeister Ray Nagin habe die Führung beim Wiederaufbau nicht in die Hand genommen, kritisiert die Meinungsforscherin und Politikwissenschaftlerin der New Orleans University, Susan Powell. "Das muss im Grunde jeder Mann, jede Frau, jedes Kind selbst übernehmen", sagt sie.
Der Politikwissenschaftler Silas Lee von der Xavier University in New Orleans sieht hier eine Chance. "Das ist die Gelegenheit, dass Menschen verschiedener Gemeinschaften sich am Wiederaufbau beteiligen und ihr Schicksal in die eigene Hand nehmen", sagt er. Der Sturm "Katrina" und seine Folgen hätten das bürgerschaftliche Engagement der Menschen gestärkt. Doch auch Lee räumt ein, dass die vielen bürokratischen Hürden bei Behörden und Versicherungen, die New Orleans' Bürger beim Wiederaufbau nehmen müssen, für weit verbreiteten Frust und Hoffnungslosigkeit gesorgt haben.
Frustration und ein Gefühl der sozialen Isolation haben die Kriminalitätsrate in New Orleans ansteigen lassen, hat der Kriminalistikprofessor der Southern University in New Orleans, John Penny, beobachtet. Im Juni musste Bürgermeister Nagin die Nationalgarde um die Entsendung von 250 Soldaten nach New Orleans bitten, um den dramatischen Anstieg von Gewaltverbrechen in den Griff zu bekommen.
Immer noch sind mehr als die Hälfte der vor "Katrina" knapp 500 000 Einwohner nicht in die Jazzmetropole zurückgekehrt. Sie hatten in allen Teilen der USA Zuflucht gesucht, nachdem die Deiche von New Orleans nachgegeben hatten und 80 Prozent der Stadt überschwemmt worden waren. "Der einzige Weg, wie wir den schon bestehenden Bruch heilen können, ist, den Leuten zu sagen, dass sie hier willkommen sind, und ihnen bei der Rückkehr zu helfen", mahnt Penny.
Der Bevölkerungsschwund hat dazu geführt, dass New Orleans, in dem früher zwei Drittel der Einwohner Schwarze waren, nun überwiegend weiß ist. Denn besonders die ärmere schwarze Bevölkerung wurde von der Katastrophe hart getroffen. Trotz wiederholter Warnungen der Armee war New Orleans nicht rechtzeitig evakuiert worden. Dicht gedrängt mussten rund 26 000 in die Sportarena Superdome geflüchtete Menschen damals ohne fließendes Wasser und Stromversorgung ausharren. Es dauerte Tage, bis sie mit Nahrungsmitteln versorgt, und noch länger, bis sie evakuiert wurden. Den desaströsen Umgang der US-Regierung mit der Katastrophe werten viele in New Orleans nicht als Unfähigkeit, sondern als Unwillen, sich um die überwiegend schwarze Bevölkerung zu kümmern.
Doch die Menschen in New Orleans geben nicht auf. Auch wenn die Zahl der für die Stadt so wichtigen Touristen erst 40 Prozent des Stands von vor "Katrina" erreicht hat, kämpfen die Rückkehrer um ihr Geschäft und reparieren die Flutschäden. Auf die Frage, warum sie sich das antun, heißt es immer wieder: "Es gibt nun mal keinen Ort, der mit New Orleans vergleichbar ist."