Japans Regierungschef Shinzo Abe will es wissen. Indem er kurzfristig Neuwahlen ausruft, erhofft er sich angesichts einer Reihe von bevorstehenden schwierigen Entscheidungen ein frisches Mandat für weitere vier Jahre.

Dabei erscheinen die Rahmenbedingungen für Wahlen auf den ersten Blick ungünstig: Die Wirtschaft ist in eine Rezession gerutscht. Die von Abe im April veranlasste Erhöhung der Mehrwertsteuer von 5 auf 8 Prozent hat dem Bürger schwer zugesetzt. Die Preise steigen schneller als die Löhne, die Menschen haben also weniger Geld in der Tasche.

Warum also gerade jetzt Wahlen? Eigentlich könnte Abe noch zwei Jahre ohne Wahlen weitermachen.

Doch Abe könnte sich mit seiner Entscheidung als gewiefter Taktiker erweisen. Im kommenden Jahr stehen eine Reihe höchst unpopulärer Entscheidungen an. Dazu zählt das Wiederanfahren der ersten Atomreaktoren. Nach der Atomkatastrophe in Fukushima vor bald vier Jahren stehen derzeit weiterhin sämtliche Reaktoren im ganzen Land wegen Sicherheitsüberprüfungen still.

Die Regierung will wegen der rasant gestiegenen Energiekosten so schnell wie möglich die ersten Meiler wieder in Betrieb nehmen, wogegen sich jedoch breiter Widerstand in der Bevölkerung regt. Außerdem stehen im kommenden Jahr Gesetze im Zusammenhang mit der beschlossenen Ausweitung der Rolle des Militärs an, was ebenfalls im Volk auf breite Ablehnung stößt.

Anstatt sich dem Urteil des Wählers bei nationalen Wahlen erst nach dem Durchziehen dieser Maßnahmen zu stellen, kommt Abe dem also mit vorgezogenen Neuwahlen zuvor. Seine Umfragewerte sind in jüngster Zeit zwar gefallen, wozu auch Skandale von Ministern seines Kabinetts beitrugen. Mit etwa 50 Prozent Zustimmung sind sie aber dennoch derzeit weiter relativ hoch. Lieber also jetzt Neuwahlen ansetzen, solange er noch so hohe Zustimmung hat, könnte das Kalkül lauten.

Zumal seine Entscheidung, die eigentlich für kommendes Jahr geplante weitere Anhebung der unpopulären Mehrwertsteuer um 18 Monate zu verschieben, beim Wähler auf Erleichterung stoßen dürfte. Schießlich steckt den Menschen die erste Anhebung der Steuer im April noch tief in den Knochen.

So sehr Experten eine weitere Anhebung auf 10 Prozent auch anmahnen, um Japans gigantischen Schuldenberg von 240 Prozent des Bruttoinlandsprodukts in den Griff zu bekommen, so sehr wäre ein solcher Schritt bereits 2015 nach Meinung von Analysten für Abe politischer Selbstmord. Gleichwohl war Abe bedacht darauf zu betonen, dass eine weitere Verschiebung nicht in Frage komme. Er weiß, wie wichtig eine Stabilisierung der Staatsfinanzen für das Land ist.

Indem Abe so kurzfristig Neuwahlen ansetzt, macht er sich noch einen weiteren Umstand zu Nutze: Die schwache Opposition. Dabei hätte die Opposition eigentlich genug Munition gegen die Regierung.

Dass das Land gerade erneut in eine Rezession gerutscht ist, könnte sie als vermeintlichen Beweis für das Scheitern der "Abenomics" genannten Wirtschaftspolitik von Abe ausschlachten. Doch dafür scheint die Opposition viel zu zersplittert und unvorbereitet. Eine überzeugende Alternative zu "Abenomics" hat sie laut Kritikern nicht anzubieten.

Ohnehin könnte die Wirtschaft nach der Talfahrt der letzten Monate wieder anziehen. Er werde zurücktreten, sollte seine Koalition die Mehrheit im maßgeblichen Unterhaus verlieren, sagte Abe. Das klingt, als sei er sich seiner Sache sicher. Zugleich wirkt es aber auch wie eine Warnung an den Wähler: Politische Instabilität wäre angesichts der wirtschaftlichen Lage das Letzte, was Japan jetzt braucht.