Und wieder einmal richten sich alle Hoffnungen der 3,3 Millionen Wahlberechtigten in Bosnien-Herzegowina auf die Parlaments- und Präsidentenwahlen am Sonntag. Und wieder einmal erwarten weder sie noch das befreundete Ausland in Gestalt von EU oder USA wirkliche Besserung der politischen, institutionellen und sozialen Misere. Doch in dem verarmten Balkanland tickt eine Zeitbombe, seit im vergangenen Februar verzweifelte Bürger Regierungsgebäude angezündet hatten. Geschehen ist seitdem nichts.

Die Hilfeorganisation USAID veröffentlichte einen Videospot mit dem Titel "Stimm ab oder leide!". Zwischen den Zeilen steht die Aufforderung, den unfähigen Politikern einen Denkzettel zu verpassen. Zahlreiche Botschafter wie zum Beispiel Japans, der Niederlande oder der USA kritisierten die Politikerkaste ungewöhnlich undiplomatisch als ignorant, eitel, korrupt und unkultiviert. Mehr oder weniger offen signalisierten sie den Bürgern, die alten Funktionäre abzuwählen.

Die regten sich über die "unzulässige Einmischung" des Auslandes auf. Schließlich sei ihr Land "doch kein Protektorat". Doch trotz dieses Anstoßes von außen hielt es praktisch keine große Partei für nötig, wenigstens in ihrem Wahlkampfprogramm etwas gegen die Verarmung breiter Bevölkerungsschichten anzukündigen. Trotz 44 Prozent offizieller Arbeitslosigkeit hat kein Politiker auch nur ansatzweise ein Rezept zur Genesung. Die Wirtschaftsprogramme bleiben allgemein und unscharf.

Die eigentlich tief verfeindeten Spitzenpolitiker der muslimischen Bosniaken, der orthodoxen Serben und der katholischen Kroaten, haben gemeinsam ihr Auskommen prächtig abgesichert. Das Forschungszentrum CIN in Sarajevo hat vor kurzem die Vermögensverhältnisse von 160 Politikern veröffentlicht. 100 von ihnen stellen sich auch am Sonntag wieder zur Wahl. Auffällig sei, dass praktisch alle Politiker von Jahr zu Jahr immer mehr Geldvermögen oder Immobilien horten konnten. Schon das offizielle Salär von Abgeordneten fällt mit durchschnittlich 4 700 Konvertiblen Mark (2 350 Euro) gegenüber der Mindestrente von 350 Konvertiblen Mark (175 Euro) üppig aus.

Die Politiker widmen sich lieber den vermeintlich großen politischen Themen, mit denen sie bisher die Bürger an sich binden konnten. Nur sie könnten ihre jeweiligen Landsleute vor den angeblich feindlich eingestellten anderen Völkern schützen, hämmerten sie ihren Anhängern ein. Der Grund für den vordergründigen Erfolg dieser politischen Taktik liegt im Bürgerkrieg (1992-1995) mit seinen über 100 000 Toten. Diese Traumata halten das Land auch nach zwei Jahrzehnten noch fest im Griff.

Und so werden die alten Politiker auch nach den Wahlen wieder am Ruder sein, sagen alle Prognosen voraus. Die Serben (ein Drittel der Bevölkerung) werden weiter alles tun, um ihre Landeshälfte von Bosnien abzuspalten. Die Bosniaken (knapp 50 Prozent) streben einen starken Zentralstaat an. Die Kroaten (15 Prozent) wollen noch selbstständiger werden. Und alle blockieren sich nach Kräften. Die wirtschaftlichen und sozialen Verwüstungen drohen aber, das Land zu sprengen.