Das Dokumentationszentrum für DDR-Alltagskultur in Eisenhüttenstadt (Oder-Spree) steht vor einem Neuanfang. Die bundesweit als einzigartig geltende Sammlung mit rund 160 000 Zeugnissen eines untergegangenen Staates war von Kommune, Landkreis und dem Land Brandenburg jahrelang finanziert worden. Doch seit 2013 sah sich die Stadt dazu nicht mehr in der Lage.

Die Einrichtung, kurz Dok-Zentrum genannt, stand schon fast vor dem Aus. Nun will der zuständige Kreistag am 2. Dezember über die Zukunft des Hauses in der ersten sozialistischen Planstadt entscheiden: Künftig soll der Landkreis Oder-Spree, gelegen zwischen Berlin und der Grenze zu Polen, die Trägerschaft übernehmen.

Eisenhüttenstadt übergibt die hauptsächlich aus Hausrat, Möbeln, Literatur, Bekleidung und technischen Geräten bestehende Sammlung als Schenkung an den Kreis. An der Spitze des Museums soll ein Kurator stehen, dessen Stelle ausgeschrieben wird.

"Es waren zähe Verhandlungen, denn es ging ja in erster Linie ums Geld und in zweiter um eine langfristige Sicherung", sagt die Kreis-Kulturdezernentin Ilona Weser (CDU).

Im Ergebnis ist Brandenburg bereit, von 2016 an 150 000 Euro statt bisher 90 000 Euro jährlich zu finanzieren. Der Landkreis übernimmt den "Rest", wie Weser es formuliert, "also das, was nach Spenden, Einnahmen und Drittmitteln noch übrig bleibt - bei einem Gesamtetat von angedachten 225 000 Euro pro Jahr".

Der Standort für das Dokumentationszentrum war 1993 von den Eisenhüttenstädter Stadtverordneten mit Bedacht gewählt worden. Die ehemalige Kinderkrippe liegt inmitten des Wohnkomplexes der Stadt, die auf dem Reißbrett entstand und parallel zum entstehenden Eisenhüttenkombinat Ost gebaut wurde.

Die erste deutsche Stadtgründung nach dem Zweiten Weltkrieg gilt heute als größtes Flächendenkmal Deutschlands. Diese Verbindung von Stadthistorie und Dokumentationszentrum soll künftig stärker in den Fokus rücken. Mithilfe eines interaktiven Stadtplans können Besucher einen individuellen Rundgang durch die Modellstadt unternehmen. Ein weiterer Schwerpunkt wird die museumspädagogische Arbeit sein, vor allem für Jüngere ohne eigene DDR-Erfahrung.

Ein Museum mit Alltagskultur zum Anfassen erleichtert den Zugang zur Vergangenheit - so sieht es der Historiker Arnd Bauerkämper, Professor an der Freien Universität Berlin, dessen Spezialforschungsgebiet die Sozial-, Kultur- und Alltagsgeschichte der DDR ist. "Allerdings darf sich das nicht im bloßen Sammeln erschöpfen, sondern die Objekte müssen in den politischen Rahmen eingebettet werden. Das heißt: Über die Faszination für einzelne Gegenstände entsteht beim Besucher ein Interesse an den historischen Hintergründen." Anfang der 90er-Jahre war das Eisenhüttenstädter Dok-Zentrum die einzige Institution deutschlandweit, die Alltagsgegenstände aus der DDR zu sammeln begann, bevor solche Dinge in der Nachwendezeit auf dem Müll landeten. So gut Ambiente und Sammlung auch harmonierten - der Einrichtung, oft auch als "historisches Gedächtnis Ostdeutschlands" bezeichnet, gelang es im Laufe der Jahre nie, Einnahmen zu erzielen, mit denen sich tatsächlich wirtschaften lässt.

Jährlich nur 5000 bis 8000 Besucher waren eindeutig zu wenig. Deswegen soll das Dok-Zentrum mitmilfe eines Veranstaltungsprogramm zu einem lebendigen zeithistorischen Diskussionsforum von überregionaler Bedeutung ausgebaut werden. So soll es mehr Publikum anziehen.

Heute gibt es nach Angaben des Brandenburger Museumsverbandes im Osten Deutschlands ein halbes Dutzend namhafter Museen und Sammlungen, die sich mit der DDR-Vergangenheit beschäftigen, darunter das Zeitgeschichtliche Forum in Leipzig. Ungezählt sind nach Angaben von Verbands-Geschäftsführerin Susanne Köstering die vielen kleinen Sammlungen, die eher von Ostalgie und Nostalgie als von historischer Aufarbeitung geprägt sind. "Vom anspruchsvollen Konzept und dem fachwissenschaftlichen Anspruch her waren Leipzig und Eisenhüttenstadt die bedeutendsten - bisher", sagt sie. Daran müsse das Dok-Zentrum nun wieder anknüpfen.