Noch tasteten sich am Dienstag die neuen Abgeordneten des Bundestages ein bisschen unsicher auf der Reichtagsebene unter der so beeindruckenden Kuppel voran. Die vielen Kameras, die zahlreichen Journalisten, das große Gewusel vor den Fraktionssälen, die meisten der parlamentarischen Frischlinge kannten das bisher auch nur aus dem Fernsehen.

Allein bei der SPD sind von den 192 Abgeordneten durch den leichten Stimmenzuwachs und durch einen Generationswechsel 86 neu. Sie alle mussten sich am Dienstag in der Fraktion zunächst einmal ihren Platz suchen. Einer davon, der 30-jährige Dirk Wiese aus dem Hochsauerlandkreis, hatte nach einem Auszählmarathon erst am frühen Montagmorgen per SMS erfahren, dass er doch noch über die Landesliste in den Bundestag gerutscht war. Rasch packte er seine Sachen und reiste nach Berlin.

Kaum angekommen, erhielt er auch schon von seinen Genossen eine Liste mit Terminen. "Überwältigend und aufregend" sei es jetzt, in der Fraktion und in den Ausschüssen des Bundestages mitarbeiten zu können, so Wiese. Bei der SPD kamen ehemalige und neue Abgeordnete zusammen, sodass sich kräftig geherzt und gedrückt wurde, wie bei einem großen Familientreffen.

Im Saal der Union bot sich ein ähnliches Bild. "Das ist wie am ersten Schultag", grinste Jens Spahn. Der 33-Jährige ist zwar schon ein alter Hase im politischen Geschäft, er wurde zum vierten Mal direkt in den Bundestag gewählt. Dennoch war das erste Treffen der Unionsabgeordneten nach der Wahl auch für ihn wieder aufregend. Die vielen Neuen - für die CDU und CSU sitzen jetzt 311 statt 231 Abgeordnete im Bundestag - müsse man ein wenig an die Hand nehmen: "Ganz praktisch, wo sind die Räume, wie komme ich ins Gebäude", so Spahn.

Um sich im parlamentarischen Alltag zurechtzufinden, wurde gestern jedem Neuling aber auch ein dicker Umschlag mit einem Wegweiser durch das Haus, dem vorläufigen Abgeordnetenausweis, einem Sitzungskalender, der Bahnfahrkarte erster Klasse sowie wichtigen Regeln und Vorschriften für Parlamentarier übergeben.

"Dann kann es ja jetzt für Sie losgehen", meinte einer der Mitarbeiter der Verwaltung, als er einem Newcomer den Umschlag in die Hand drückte.

Am Mittwochnachmittag werden alle noch eine Einführung in den Bundestag und seine Abläufe erhalten. Die Zuweisung der Büros wird jedoch erst dann erfolgen, wenn die vom Wähler geschassten Liberalen komplett aus ihren Räumen ausgezogen sind.