B edient wird der Koloss eher selten. Aber entscheidend, findet Uwe Löschner, ist ja, dass er funktioniert. Dass der weltgrößte Nussknacker auch wirklich Nüsse knacken kann. Zuletzt war es eine Kokosnuss, fürs Fernsehen. Löschner verabreicht dem Riesen die seltene Beißkost vom nahen Fenster eines Hauses aus. „Das funktioniert wie bei einer Kegelbahn. Nur dass bei uns dann eben Nüsse eingerollt werden“, sagt Löschner.

Der 40-Jährige hat den Ritterriesen selbst mit seinem Vater und einem befreundeten Tischler gebaut. Drei Jahre lang haben die Männer gewerkelt, 2192 Arbeitsstunden weist die Statistik aus, zudem ein Gesamtgewicht von 3285 Kilogramm und eine Höhe von 10,10 Metern. „Das ist fast die Grenze, was mit Holz zu machen ist“, sagt der gelernte Maschinenbauer über das 2008 fertiggestellte Werk. So ganz ausschließen will er einen neuen Rekordversuch noch nicht. „Man soll nie nie sagen.“

Er kennt sich damit ja mittlerweile auch ganz gut aus. Das erste Mal ins Guinness-Buch der Rekorde schafften es Löschners schon 1993 – seinerzeit mit einer gerade einmal 3,86 Meter hohen Figur als „größtem funktionsfähigen Holznussknacker der Welt“. Ein Jahr später öffnete auch das „erste und einzige Nussknackermuseum Europas“. Davor hatte die Familie ihre bis dahin 1000 gesammelten Nussknacker zu Hause ausgestellt, in drei Räumen im Parterre.

Inzwischen gehören Löschners nach eigenen Angaben 5150 Nussknacker – einen größeren Privatbesitz gibt es auf der ganzen Welt nicht. „Wir kaufen jedes Jahr zwischen 60 und 80 Stück dazu“, sagt der Museumschef. Ständig ausgestellt sind etwa 4300 Nussknacker auf 400 Quadratmetern. In Leavenworth im US-Bundesstaat Washington gibt es auch ein Nussknackermuseum, aufgebaut von einer Sammlerfreundin, die sich mit Löschners hin und wieder austauscht. „In den USA können Nussknacker auch schon mal bis zu 300 Dollar kosten“, sagt Löschner.

Der Geschäftsführer des Verbands Erzgebirgischer Kunsthandwerker, Dieter Uhlmann, nennt die USA den wichtigsten Export-Markt für die Branche im Erzgebirge, gerade auch für die bis zu 20 auf Nussknacker spezialisierten Firmen. „Der Nussknacker ist das bekannteste Produkt erzgebirgischer Holzkunst.“ Die eigens für die USA fabrizierten „Nutcracker“ seien in Deutschland „nur sehr begrenzt verkaufbar – sie sind einfach anderen Geschmacksbedürfnissen angepasst“. Was Uhlmann meint: Dem US-Amerikaner wäre der typisch erzgebirgische Nussknacker – in Gestalt eines Königs, Försters, Polizisten – zu schlicht. Dem Erzgebirger wiederum sind moderne US-Versionen – etwa als Darth Vader aus „Star Wars“ oder US-Außenministerin Hillary Clinton – zu schrill.

In Neuhausen ausgestellt ist etwa ein im militärgrünen Tarnlook ausgestatteter GI mit Gewehr, US-Flagge und dem Schriftzug „Operation Desert Storm“. 3000 Stück davon habe ein Betrieb aus Olbernhau produziert, sagt Löschner. „Sie gingen an US-Veteranen des Golfkrieges 1991.“ Verbandsmann Uhlmann erinnert sich noch an die heftigen Debatten, die es im Erzgebirge gerade um diesen „Golfkrieger“ gab.

Das Museum gibt sich nicht mit den Klassikern aus der Heimat zufrieden. Es zeigt Nussknacker aus 30 Ländern – die ganze Bandbreite. Der älteste ist eine um 1650 aus Lindenholz geschnitzte Figur aus der Schweiz mit Zähnen und Zunge aus Elfenbein. Die bei der Fußball-WM 1994 in den USA gescheiterte deutsche Nationalmannschaft ist dabei, außerdem Tierfiguren aus dem Erzgebirge und auch Frauenfiguren aus England von 1906. „Die meisten Leute nehmen ihren Nussknacker gar nicht zum Knacken“, sagt Löschner. Selbst im Erzgebirge kommt zumeist die Nusszange zum Einsatz – und der Nussknacker bleibt als Dekoration auf dem Schrank oder im Regal stehen.