Mario Büchner, Truppführer des Kampfmittelbeseitigungsdienstes Brandenburg, weiß nicht, wodurch genau am späten Samstagvormittag die dritte Explosion im abgesperrten Bereich an der alten Mühle auslöst wurde. "Wir haben das Glück hier schon arg strapaziert. Noch am Vortag hatte der Envia-Mitarbeiter in diesem Loch eine Leitung repariert, wir haben alle dabeigestanden", sagt Mario Büchner und reibt sich mit der Hand übers Gesicht. Das hätte mächtig ins Auge gehen können.

Kampfmittelbeseitigungsdienst und Gemeindeverwaltung sind sich einig: Die Sicherungsmaßnahmen müssen verstärkt werden. Am Sonntag kamen viele Schaulustige nach Neuhausen - mit dem Auto, mit dem Fahrrad und sogar mit dem Kinderwagen, so Bürgermeister Perko. "Ich kann die Leute nur immer wieder bitten, den Bereich zu meiden. Es ist ein Wunder, dass bisher nichts passiert ist", sagt er.

Inzwischen hat Mario Büchner alte und neuere Luftaufnahmen vergleichen können. "Wir sind uns jetzt ziemlich sicher, dass es an der Stelle der Explosionen früher keinen Graben gegeben hat. Sondern wir gehen davon aus, dass es sich um einen Bomben trichter handelt, der einfach verfüllt worden ist", erklärt Büchner. Sogar ein Zeuge dafür sei inzwischen bei ihm aufgetaucht, sagt er.

Nachdem ein erster Versuch, sich in der Erde von oben nach unten vorzuarbeiten, gescheitert war, dringt der Bagger jetzt von der Seite zum Inneren des Trichters vor. "Sind wir durch, erweitern wir den Radius", sagt Mario Büchner. In dem 100-KW-Bagger sitzt ein Spezialist der europaweit agierenden Kampfmittelräumungsfirma Röhll. Eine dicke Panzerung, die extra angefordert wurde, soll ihn schützen. Zudem hält Büchner den Kontakt zu erfahrenen Kollegen. "Eigentlich gibt es kaum noch Riegelminen. In den mehr als 20 Jahren, in denen ich für den Kampfmittelbeseitigungsdienst arbeite, habe ich so eine noch nicht gefunden. Und auch so etwas wie die erneute Explosion am Samstag ist mir noch nicht passiert", so der Experte.

Während sich Büchner gemeinsam mit Neuhausens Bürgermeister Dieter Perko in einer Pressekonferenz den Fragen der Medien und einiger Anwohner stellt, liegt scheinbar dörfliche Ruhe über Neuhausen. Irgendwo kräht ein Hahn, Gänse schnattern, ein Hund bellt die Fotografen an, einige Neuhausener starten zum Weihnachtseinkauf nach Cottbus.

Zum zweiten Mal evakuiert

Hinter der Bahnstrecke am Flugplatz werden im Eiltempo Solaranlagen aufgebaut. Erst am 28. Oktober war bei den Arbeiten im Solarpark eine Fliegerbombe freigelegt worden, Neuhausen musste evakuiert werden, viele Einwohner warteten in der Laubsdorfer Grundschule ab, die Ältesten unter ihnen erinnerten sich an die Fliegerangriffe in den letzten Monaten des Zweiten Weltkrieges. Die Explosion am 14. Dezember in der Mühlenstraße erschreckte die Anwohner beim Frühstück gegen 8 Uhr. Der Krater hatte einen Durchmesser von zehn Metern und auf einer Fläche von 15 mal sechs Metern senkte sich die Fahrbahn. Seitdem ist die Ortsverbindung zwischen Groß Oßnig und Neuhausen gesperrt. Dem Landesbetrieb für Straßenwesen, der mit der Straßenreparatur beginnen wollte, wurde abgesagt, als der Kampfmittelbeseitigungsdienst am Freitag, 16. Dezember, zwei Riegelminen freilegte. Weil sie als besonders empfindlich gelten und sie der Zahn der Zeit noch gefährlicher macht, entschied Büchner, sie vor Ort zu sprengen. Wieder mussten 400 Menschen vorsorglich evakuiert werden. Die Sprengung glückte ohne wesentliche Schäden. Bürgermeister Perko hielt eine kleine Rede im Speisesaal der Laubsdorfer Grundschule. Mit der erneuten Explosion am Samstag hatten die Anwohner nicht gerechnet.

Zehn Stunden am Tag wird der Kampfmittelbeseitigungsdienst ab dem heutigen Dienstag weiter nach Munition suchen. Für diese Zeit müssen die Anwohner im gesperrten Gebiet in der Mühlenstraße ihre Häuser verlassen. Dieter Perko kann über die Spree-Camp GmbH mehrere beheizbare Bungalows anbieten. Freigestellt ist ihnen, ob sie für die Nacht in ihre Häuser zurückkehren oder bis zur endgültigen Entwarnung im Bungalow bleiben. Mario Büchner möchte möglichst verhindern, dass Autos auf die abgesperrte Fläche fahren. Zu unberechenbar sind Erschütterungen.

Kurt Wunderling bekommt mit seiner Frau Unterschlupf bei der Familie seiner Tochter in Groß Oßnig. "Die Enkelin hat schon angerufen und gefragt, wann wir kommen. Meine Frau ist immer noch sehr aufgeregt. Man ist ja hier nicht mehr sicher. Und wenn wir uns ins Bett legen, wissen wir nicht, ob wir da am Morgen wieder aufwachen", so der Senior. Juliana During fühlt sich sehr müde. "Ich muss jeden Tag arbeiten und habe in dieser Woche Spätschicht. Eigentlich müsste ich vormittags noch ein bisschen schlafen, aber das kann ich momentan gar nicht", sagt sie. Ihr Mann Reinhard Zöllig nimmt sie in den Arm. "Ich bin der Ruhepol in unserer Familie und versuche das auch jetzt sein", so Reinhard Zöllig.

Heiligabend zu Hause

Am Freitag will Dieter Perko den Weihnachtsfrieden für die Neuhausener aussprechen. Auch die Bewohner der Mühlenstraße sollen Heiligabend in ihren Wohnungen feiern können. Mario Büchner hofft, bis dahin die Gefahr in Neuhausen gebannt zu haben. "Schaffen wir das nicht, suchen wir auch in der Woche zwischen Weihnachten und Silvester weiter. Bis in den Januar abwarten will ich hier nicht." Der Sprengstoff einer Mine verrotte nicht. Aber die Sicherungsteile - wie Federn und Splinte - können durchrosten. "Um so älter Munition ist, um so gefährlicher wird sie. Deshalb will ich keine Zeit verlieren", sagt der Experte.

Zwei Kameras behalten jetzt den Krater im Auge. Und ein Wachdienst soll in der Nacht verhindern, dass Unbefugte den Gefahrenbereich betreten oder sogar Geräte stehlen.

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HintergrundRiegelminen wurden im Zweiten Weltkrieg von der Wehrmacht als Panzer- und Straßensperren eingesetzt, so Kampfmittelbeseitiger Mario Büchner. Sie gleichen einem Blechkasten - 80 Zentimeter lang, neun Zentimeter hoch und gefüllt mit vier Kilogramm Sprengstoff.Neuhausen gehört zu den Kampfmittelverdachtsflächen in Brandenburg. Bauherren müssen sich die Kampfmittelfreiheit für ihre Flächen bescheinigen lassen.