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| 02:42 Uhr

Neues Schiff bringt Heilmittel gegen saures Wasser

Das Arbeitsschiff ist gestern per Kran auf das Wasser des Partwitzer Sees gesetzt worden. Der Schubverband sticht im September in See.
Das Arbeitsschiff ist gestern per Kran auf das Wasser des Partwitzer Sees gesetzt worden. Der Schubverband sticht im September in See. FOTO: Steffen Rasche/str1
Senftenberg/Klein Partwitz. Über etwa 14 000 Hektar erstreckt sich die Wasserlandschaft des Lausitzer Seenlandes. Bis zum Jahr 2020 sollen die sanierten Bergbaukrater in Brandenburg und Sachsen nunmehr vollgelaufen sein. Naturgemäß geht das mit der Versauerung des Wassers einher. Ein neues Sanierungsschiff sticht deshalb in See, um diesen schädlichen Prozess zu stoppen. Kathleen Weser

Aus der durch den Braunkohleabbau tief verletzten Lausitzer Erde steigt saures Wasser auf. Dem setzen die Bergbausanierer gezielte Kalk-Kuren entgegen, um das Nass zu neutralisieren. Um das Versauern der neuen Seen effektiver und nachhaltiger zu stoppen, ist gestern am Partwitzer See ein neues Sanierungsschiff zu Wasser gelassen worden. Anfang September soll der etwa 20 Meter lange Schubverband, der aus einem Arbeitsschiff und zwei antriebslosen Schubleichtern besteht, in See stechen.

Dimension weltweit einmalig

Der Kampf gegen das saure Wasser "ist eine Aufgabe, die in dieser Dimension in der Welt einmalig ist", betont Klaus Zschied rich, der Geschäftsführer der Lausitzer und Mitteldeutschen Bergbau-Verwaltungsgesellschaft (LMBV). Der Experte für die Braunkohlesanierung ist einer der geistigen Väter des flexiblen Schiffseinsatzes auf den heimischen Problem-Gewässern.

Jährlich sind bisher mehr als 100 000 Tonnen Kalksteinmehl in die Bergbaufolgeseen eingespült worden. Da der Zustrom des sauren Wassers aus den Kippen in die Seen aber nicht überall gleich ist, ist die flächendeckende chemische Behandlung eine sehr teure Investition und langwierige Angelegenheit. Das Ziel ist, Badegewässerqualitäten zu erreichen. Die Lausitzer Seenkette muss aber auch funktionieren, um Wasser bester Güte in die Schwarze Elster abgeben zu dürfen. Ursprünglich sollte das Lausitzer Seenland durch die Flutung mit süßem Oberflächenwasser aus Lausitzer Neiße, Spree und Schwarzer Elster schneller genesen. Doch das Angebot an frischem Nass ist vor allem bei Niedrigwasser in den Sommermonaten viel zu knapp.

Aus der Wassernot in den heimischen Flüssen heraus ist der alternative Plan entwickelt worden, die unterschiedlich stark betroffenen Problemzonen der großen Gewässer gezielter per Schiff zu behandeln. Auf der Werft Hermann Barthel in Derben an der Elbe ist deshalb ein Arbeitsschiff für den Einsatz auf den Lausitzer Seen gebaut worden.

Lokal bedarfsgerechte Kur

Mit dem Wassergefährt kann jeder Quadratmeter Wasserfläche mit lokal bedarfsgerechten Kalk-Konzentrationen gezielt bearbeitet werden. Das senkt die Kosten für das Heilmittel enorm. Rechnerisch ist der neue Schubverband in der Lage, die schiffbar verbundene Seenkette in dreieinhalb bis fünf Jahren erstmals auf pH-Werte im neutralen Bereich zu heben. Fünf bis acht Kalkfrachten von etwa 25 Tonnen können pro Arbeitstag unterhalb der Wasserlinie gezielt eingespült werden. Dabei ist das Arbeitsschiff in der Lage, den Seegrund und die Säurekonzentrationen laufend zu erfassen. Auch die Strömung wird gemessen. Damit kann die Mannschaft sehr gezielt auf die Wasserbeschaffenheit einwirken. Überdosierungen sind praktisch ausgeschlossen. Der Einsatzplan fußt auf GPS-gesteuerten Aussagen (Globales Positionsbestimmungssystem). Das haben die Bergbausanierer auch mit der Brandenburgischen-Technischen Universität (BTU) Cottbus - Senftenberg erforscht.

Trotz des gezielten Großeinsatzes auf dem Wasser wird aber auch die Nachsorge auf den Lausitzer Seen nach der Erstneutralisation noch mindestens weitere 25 Jahre brauchen.

Ersteinsatzort für ein Jahr

Gut ein Jahr soll mit dem Sanierungsschiff jetzt zuerst der Partwitzer See bearbeitet werden. Manfred Kolba, der Leiter des Sanierungsbereiches Lausitz, zeigt sich sichtlich zufrieden über die nunmehr fast fertiggestellte Anlegestelle. "Auch der Schwertransport ist problemlos gewesen", sagt er. Und der 400-Tonnen-Kran hat das Arbeitsschiff gestern auch scheinbar spielend leicht am ersten Einsatzort aufs Wasser gesetzt. "Die Sanierungstechnologie ist erprobt und funktioniert", versichert Manfred Kolba. Ein kleines Sanierungsschiff, der Katamaran "Barbara", ist bereits seit vier Jahren erfolgreich im Einsatz. Es hat unter anderem dem Lichtenauer und dem Schlabendorfer See die alkalische Kalkmilch-Behandlung verpasst. Zuvor war ein schwedisches Schiffsmodell auf dem Bernsteinsee bei Burghammer getestet worden. Dieses sprüht die Kalkmilch allerdings nur auf die Wasseroberfläche und erweckt dadurch den Eindruck einer Dreckschleuder.

Statt bislang geplanter großtechnischer Wasserreinigungsanlagen in den Seen und an deren Ausläufen bringen die Sanierungsschiffe das Heilmittel punktgenau zum Problem.

Die Bergbausaniererin will für die gewaltige Aufgabe der Wassersanierung die schiffbaren Kanäle zwischen den Lausitzer Seen nutzen. Auf die Eigenkräfte der Gewässer wird freilich auch gesetzt. Die natürliche Zirkulation im See muss dafür sorgen, dass das neutralisierte Wasser weiter verteilt wird und sich sowohl im Hauptwasserkörper als auch in den Flachwasser- und den Tiefenwasserbereichen ausbreitet. Das allerdings ist Winterarbeit von Mutter Natur.

Zum Thema:
Die aus Tagebaukratern gefluteten Lausitzer Seen sind sauer. Denn um das Flöz freizulegen und die Kohle abzubauen, sind aus dem unterirdischen Gebirge über Jahrzehnte auch Pyrit- und Markasit-Verbindungen nach oben befördert worden. Diese reagieren mit dem aufgehenden Grundwasser vermischt sauer und bilden durch gelöstes Eisen auch braunen Schlamm. Diese für die Wasserqualität der neuen Seen schädlichen Prozesse sollten ursprünglich mit der Zugabe von Oberflächenwasser aus der Spree, der Lausitzer Neiße und der Schwarzen Elster stärker gebremst, das saure Wasser also verdünnt werden. Doch das Wasserangebot der heimischen Flüsse ist zu knapp. Statt die riesigen Bergbau-Trichter immer wieder flächendeckend zu bekalken, wird dem sauren Wasser mit Sanierungsschiffen zu Leibe gerückt. Der Praxistest ist mit einem schwedischen Schiffsmodell auf dem Bernsteinsee bei Burghammer erstmals erfolgt. Das kleine Lausitzer Sanierungsschiff, der Katamaran "Barbara", bringt seit nunmehr vier Jahren dosiert Kalk ein. Das neue Sanierungsschiff der Bergbausaniererin soll noch weitaus effektiver arbeiten.