Sechs Jahre brauchte Linken-Frontmann Rico Gebhardt, um ein solches Ergebnis zu schaffen. 130 Delegierte gaben ihm am späten Sonnabendnachmittag auf dem Landesparteitag ihre Stimme. 78,3 Prozent - in jeder anderen Partei wäre das wenig gewesen für einen lang gedienten Vorsitzenden ohne Gegenkandidaten.

Doch Gebhardt hatte in weiser Vorahnung ausbrechender Grabenschlachten die Erwartungen niedrig gehalten. Irgendwo um die 70 Prozent würden es schon werden, meinte er vorab. Schließlich wurde es sein bestes Ergebnis aller Zeiten. Durchaus erstaunlich für den gelernten Koch aus Aue, der seit seiner Wahl ins Amt 2009 etwas Provisorisches ausstrahlt.

Die Rache der Hardliner war befürchtet worden für diesen ersten Wahlparteitag nach der mauen Landtagswahl 2014. Aber auch in Neukieritzsch blieben die Linken hinter den Erwartungen zurück. Nur 22 Delegierte stimmten gegen den Amtsinhaber, 14 enthielten sich. Damit kann es für Gebhardt recht entspannt weiter gehen.

Zumal auch der eigentlich zentrale Wahlgang am späten Sonnabend nach seinen Wünschen lief. Wenn auch denkbar knapp. Mit 50,6 Prozent setzte sich Gebhardts Vertrauter Stefan Hartmann bei der Wahl zum Stellvertreter durch. Mit gerade fünf Stimmen mehr schlug Hartmann seinen Rivalen Jörn Wunderlich aus dem Rennen. Den hatte der Leipziger Liebknecht-Kreis ins Rennen geschickt - ein innerparteilicher Thinktank, der der Landespartei einen zu weichen Kurs vorwirft, der aber beim Parteitag weitgehend im Hintergrund blieb.

Gebhardt wollte zwar erklärtermaßen Pflöcke einschlagen "wie wir uns inhaltlich-strategisch und personell in den kommenden Jahren aufstellen wollen". Doch jenseits der Personalentscheidungen bleibt die Strategie vage. Wichtiger das Zusammenraufen: "Wenn wir uns tief in die Augen blicken", sprach der Vorsitzende in den Saal, "dann wissen wir, dass wir alle hier zu 90 bis 95 Prozent in inhaltlichen Fragen einer Meinung sind."

Ein Dringlichkeitsantrag zur Asylpolitik wurde beschlossen, mit dem die Landtagsfraktion der CDU-SPD-Staatsregierung in den praktischen Fragen der Flüchtlingsunterbringung die Hand reicht. Das bedeutet, vorerst keine Kritik um der Kritik willen, dafür mehr unkomplizierte Sachpolitik. "Wir müssen unsere Oppositionspolitik neu erfinden", schrieb Gebhardt seinen Genossen ins Aufgabenheft.

Sein Appell an die "Präkarisierten aller Länder" hätte eine schöne Parole werden können, kam aber etwas zu sperrig daher. Gemeint waren die, "die sich nun auch in Sachsen in den Wartezimmern der Sozialbürokratie zusammenfinden", der "syrische Pizzabäcker" Seit' an Seit' mit dem "Schweißer in Leiharbeit". Auch Gebhardts Reminiszenz an Martin Luther King, "ich habe einen Traum", war ein hübscher Anfang. Doch der Traum blieb unartikuliert.

Auf der Suche nach Wegen aus dem Loch der verkorksten Wahlen auf Bundes- und Länderebene gab es in Neukieritzsch unterschiedlichste Antworten. Die Linken müssten "unanfechtbar die Gutmenschen sein", meinte der Ex-Fraktionschef Peter Porsch. Die Ex-Abgeordnete Monika Runge forderte einen "neuen demokratischen Aufbruch", wohin auch immer.

"Es geht keinem Flüchtling besser, wenn wir jeden Tag betonen, dass der Amerikaner an allem schuld ist", warf der Chemnitzer Bundestagsabgeordnete Michael Leutert in die Diskussion. Man müsse auch nicht "zum xten Mal die Millionärssteuer fordern", setzte er noch hinzu. Da applaudierten einige. Noch mehr applaudierten aber bei der Rede der Bundeschefin Katja Kipping, wo es wieder gegen das "Imperium" und "die Superreichen" ging.