Die Nachrichten aus dem südlichen Kaukasus sind widersprüchlich. Das Verteidigungsministerium in Baku teilte am Sonntag mit, eine einseitige Waffenruhe "als Zeichen des guten Willens" in Berg-Karabach auszurufen. Gleichzeitig sprach es aber von der Absicht, bereits zurückeroberte Gebiete zu sichern.

Vor diesem Hintergrund dürfte der aserbaidschanische Waffenstillstand von der armenischen Seite kaum als ein ernstes Angebot aufgegriffen werden. Würde das armenische Militär seine "Provokationen" nicht beenden, würde die aserbaidschanische Armee das von armenischen Truppen besetzte Gebiet ganz "befreien", hieß es in der Stellungnahme weiter.

Seit Freitagnacht sind bei Kämpfen an der Grenze zwischen Aserbaidschan und der nicht anerkannten Republik Nagorny Karabach mindestens 30 Soldaten ums Leben gekommen. Es ist der schwerste Zwischenfall seit dem 1994 unterzeichneten Waffenstillstandsabkommen zwischen Armenien und Aserbaidschan.

Beide Seiten werfen sich gegenseitig vor, den Waffenstillstand gebrochen zu haben. Die neue Qualität der Auseinandersetzung ist der massive Einsatz von schweren Waffen an der Demarkationslinie, die auch das Hinterland des Gegners erreichen.

Armeniens Präsident Sergej Sarkissjan sprach von 18 getöteten und 35 verletzten Soldaten. Baku will hingegen nur zwölf Mann verloren haben. Gab aber weit höhere Verluste an, die es dem Gegner zugefügt haben will. Einhundert armenische Soldaten sollen demnach gefallen und mehr als ein Dutzend Artillerieeinheiten sowie sechs Panzer zerstört worden sein. Armenien wies dies zurück. Die Übertreibung der gegnerischen Verluste hat in diesem seit Jahrzehnten schwelenden Konflikt eine lange Tradition.

Die Gefechte waren in der Nacht zum Samstag ausgebrochen. Der Präsident Aserbaidschans Ilcham Alijew und der armenische Amtskollegen Sergej Sarkissjan weilten zu diesem Zeitpunkt gerade auf dem Atomgipfel in Washington.

Es klingt schon etwas seltsam, dass ausgerechnet Russlands Verteidigungsminister Sergej Schoigu die Konfliktparteien in Abwesenheit ihrer Oberkommandierenden zum Einhalten des Friedens aufrief. Auch Moskaus Außenminister Sergej Lawrow telefonierte mit den armenischen und aserbaidschanischen Kollegen.

Angesichts der "instabilen Lage vor Ort" forderte auch US-Außenminister Kerry beide Seiten dazu auf, unmittelbar Verhandlungen zur Beilegung der militärischen Eskalation aufzunehmen.

Medien in Baku und Eriwan berichten unterdessen, dass sich viele Freiwillige zum Einsatz an der Front bei den Kreiswehrersatzämtern melden. Für beide Kriegsparteien ist Berg Karabach mehr als ein Symbol.

Die Aseris wollen die militärische Schlappe und die hohen Verluste der Niederlage in den 90er-Jahren wieder wettmachen. Auch für das kleine Armenien ist Karabach ein Teil des nationalen Selbstverständnisses. Die aserbaidschanische Armee ist zwar besser ausgerüstet als die Armeniens. Es fehlt ihr aber an Schlagkraft und Disziplin. Experten verbinden das mit dem hohen Grad an Korruption in den Streitkräften. Armeniens Militärs können sich überdies im Notfall auf Hilfe Russlands verlassen, das in Armenien über einen Truppenstützpunkt verfügt. Gleichwohl ist Russland daran interessiert, dass die Balance in der Region nicht ins Schwanken gerät. Die militärische Führung reagiert in beiden Republiken auf Moskauer Anweisungen eher ablehnend. Noch ist unklar, was hinter der Zuspitzung steckt. In beiden Kaukasusrepubliken stehen die Präsidenten unter Druck. Baku geht wegen des Ölpreisverfalls das Geld aus, womit sich der Autokrat bislang Rückhalt erkaufte. Auch in Eriwan kam es in den vergangenen Monaten zu lang anhaltenden sozialen Protesten.

Ein Hintergrund-Bericht

zum Gebiet Berg-Karabach

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Zum Thema:
Der Konflikt um das Gebiet Berg-Karabach reicht zurück in die Zeit der Sowjetunion. In der zerklüfteten Bergregion leben vor allem christliche Armenier. Doch völkerrechtlich gehört das Gebiet mit rund 150 000 Menschen zum muslimisch geprägten Nachbarland Aserbaidschan. Anfang der 1990er-Jahre spaltete sich Berg-Karabach von Aserbaidschan ab, 1992 weitete sich der Konflikt zu einem erbitterten Krieg zwischen den Ex-Sowjetrepubliken aus; mit fast 30 000 Toten und Hunderttausenden Flüchtlingen. Aserbaidschan wirft Armenien vor, das Gebiet rechtswidrig zu besetzen. Der UN-Sicherheitsrat hat die Besetzung von aserbaidschanischem Gebiet durch armenische Truppen mehrfach verurteilt. Die Konfliktparteien einigten sich 1994 auf einen Waffenstillstand. Dieser ist brüchig. Immer wieder kommt es zu Kämpfen mit Todesopfern. Russland versteht sich als Schutzmacht Armeniens und hat Tausende Soldaten in seinem Nachbarland stationiert. Aserbaidschan droht, Berg-Karabach zurückzuerobern.