Der Fernsehsender ITV veröffentlichte am Dienstagabend Fotos und Zeugenaussagen, die der offiziellen Darstellung widersprechen, wonach sich der 27-jährige Jean Charles de Menezes verdächtig gemacht habe. Demnach war der Brasilianer durch ungewöhnlich winterliche Kleidung aufgefallen, hatte eine Eingangssperre im U-Bahnhof Stockwell übersprungen und war zur Bahn gerannt. Nach ITV-Angaben zeigen Fotos und Videoaufnahmen jedoch, dass Menezes eine leichte Jeansjacke trug und den U-Bahnhof langsamen Schrittes betrat.

Widersprüche entdeckt
Laut Polizei hatte Menezes am 22. Juli - einen Tag nach der glimpflich verlaufenen zweiten Serie von Bombenanschlägen - trotz Warnrufen nicht angehalten, sondern war weiter gerannt. Der junge Brasilianer habe die Anweisungen der Polizei nicht befolgt und sei schließlich in einem U-Bahnwaggon erschossen worden. Gemäß der Direktive "Shoot to kill" habe der Verdächtige gezielt durch Kopfschüsse getötet werden müssen, um zu verhindern, dass er eventuelle Sprengsätze am Körper zündet, erklärte Scotland Yard.
Die nun bekannt gewordenen Aufnahmen von Überwachungskameras zeigen laut ITV jedoch, wie Menezes ein
U-Bahn-Abteil betritt und sich hinsetzt. Daraufhin stürmen die Sicherheitskräfte den Wagen, ein Polizist hält ihn fest und der Brasilianer wird mit sieben Schüssen in den Kopf getötet. Eine achte Kugel trifft ihn demnach in die Schulter, drei weitere verfehlen ihn.

Von Beginn an Fehler
ITV zufolge war der Einsatz von Anfang an fehlerhaft. So habe ein Polizist, der Menezes in seinem Haus beschattete, den Augenblick verpasst, als der Brasilianer dieses verließ. Der Beamte habe just in dem Moment austreten müssen und deshalb keine Videoaufnahme von Menezes machen können, berichtete der Sender unter Berufung auf den damals diensthabenden Polizisten. Daher habe er seine Beobachtungen seinen Kollegen nicht übermitteln können, wird der Polizist zitiert. Menezes war ins Visier der Fahnder geraten, weil er in einem Haus im südlichen Tulse Hill wohnte, in dem sich nach Ansicht der Polizei auch zwei der Attentäter vom 21. Juli aufgehalten hatten. (AFP/uf)