Mit fester Stimme läutet Michael Müller (SPD) eine neue Ära in der Berliner Politik ein. "Ich schwöre, so wahr mir Gott helfe", sagt der neue Regierungschef - und beendet mit seinen Worten die Amtszeit des dienstältesten deutschen Ministerpräsidenten Klaus Wowereit (SPD).

Die Hauptstadt hat einen neuen Regierenden Bürgermeister. Obwohl der 50-jährige Müller als enger Vertrauter Wowereits gilt, dürfte ein neuer Stil ins Rote Rathaus einziehen.

Wowereit - der Sonnenkönig, Partymeister, Berlin-Versteher, Tabubrecher - hatte seinen Abschied bewusst inszeniert. Auf die Rücktrittserklärung im Sommer, als seine Kritiker gerade etwas leiser wurden, folgte eine bunte Tour durch Politik und Gesellschaft. Mit öffentlichem Tango-Tanzen für einen Obdachlosenkalender, mit einer Abschiedsgala von Künstlern, einem Regenbogenfest der Schwulen und Lesben an seinem letzten Amtstag im Foyer des Roten Rathauses, der Regierungszentrale. Plötzlich hatten ihn alle wieder gern, was Wowereit - mit der einen oder anderen spitzen Bemerkung - durchaus genoss.

Am Donnerstag zeigte er kaum Emotionen. Eine sehr herzliche Umarmung für seinen Nachfolger und weg war Wowereit. Nun also Michael Müller. Und mit ihm eine neue Mentalität. Denn es ist kaum denkbar, dass der hagere, oft etwas spröde, aber durchaus sarkastische SPD-Politiker die Nächte auf Bällen durchtanzt, Omas auf der Straße herzt und Anhängern Kusshände zuwirft.

Wowereit nachzuahmen, das wolle er gar nicht erst versuchen, hat Müller bereits angekündigt. Stattdessen stehe er für solide Arbeit, mehr sozialen Ausgleich und Politik auch für die Bezirke. Seine Amtszeit beginnt Müller allerdings gleich mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). Beim Gespräch von Kanzlerin und Ministerpräsidenten ist der Berliner nicht der einzige Neuling am Tisch. Gespannter richten sich die Augen bundesweit auf den ersten linken Ministerpräsidenten, Bodo Ramelow aus Thüringen. So eine historische Sensation ist Müller nicht.

In Berlin bleibt die Richtlinienkompetenz in SPD-Hand und das rot-schwarze Zweckbündnis unberührt. CDU-Fraktionschef Florian Graf leistete schon im Voraus den Treueschwur: Seine Fraktion werde Müller geschlossen wählen. Am Ende bekam er sogar mindestens zwei Stimmen der Opposition. Doch Grüne, Linke und Piraten beeilen sich, vor allem die großen Herausforderungen des neuen Regierenden zu betonen.

Einige hat ihm Wowereit hinterlassen, wie die schier unendliche Horrorgeschichte mit dem Hauptstadtflughafen BER. Am heutigen Freitag wird Müller das erste Mal im Aufsichtsrat sitzen. Er würde gern einiges umbauen. Doch wann endlich Flieger abheben, wird der 50-Jährige kaum beeinflussen können.

Ebenso schwierig ist der Umgang mit der wachsenden Zahl der Flüchtlinge in Berlin. Der Senat schaute dem Protest lange untätig zu. Hier liegen die größten Konfliktpunkte von Rot-Schwarz, denn die CDU möchte viel rigider ablehnen und abschieben als die SPD. Dazu kommt, womit Müller bereits als Stadtentwicklungssenator zu tun hatte: bezahlbare Mieten und die zunehmende Wohnungsnot in der Innenstadt. Als Erstes aber kämpft er für Berlin um Geld. Finanzen, damit kannte sich Klaus Wowereit besonders gut aus.

Zum Thema:
Berlins neuer Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) hat seine acht Senatoren ernannt. Darunter sind zwei Neue:Der ehemalige Vizepräsident der Europäischen Investitionsbank, Matthias Kollatz-Ahnen (SPD, l.), ist seit Donnerstag neuer Finanzsenator in Berlin. Der Bezirksbürgermeister von Lichtenberg, Andreas Geisel (SPD, r.), übernimmt den Posten des Senators für Stadtentwicklung und Umwelt.Zum Senat gehören außerdem: Bürgermeister und Senator für Inneres und Sport: Frank Henkel (CDU); Bürgermeisterin und Senatorin für Arbeit, Integration und Frauen: Dilek Kolat (SPD); Senatorin für Bildung, Jugend und Wissenschaft: Sandra Scheeres (SPD); Senator für Gesundheit und Soziales: Mario Czaja (CDU); Senator für Justiz und Verbraucherschutz: Thomas Heilmann (CDU); Senatorin für Wirtschaft, Technologie und Forschung: Cornelia Yzer (CDU)