Lange Zeit galt Stricken, Häkeln und Nähen als öko oder altmodisch. Doch was Oma als tägliche Arbeit betrachtete, ist plötzlich angesagtes Hobby. Nicht nur in Großstädten klappern Häkel- und Stricknadeln, werden Röcke oder Loop-Schals selbst genäht. Überall in der Lausitz boomen Handarbeitskurse, denn die neue Wolllust ist cool und schick.

Da wundert es nicht, dass in Elsterwerda ein Rekordversuch Begeisterungsstürme auslöst. Die Zuschauer auf dem Marktplatz jubelten mit den engagierten Stricklieseln, als ihr Meisterwerk - eine 159,45 Quadratmeter große Bommelmütze - gewogen wurde. Mit 222 Kilogramm scheint die Mütze die schwerste der Welt zu sein. Es war geschafft: Nach 22 Wochen Arbeit und vielen gemeinsamen Stunden beim Häkeln waren die 1051 Einzelteile verbunden, die 92-Kilogramm-Bommel gesetzt. Das Maschenmonster wurde vergangene Woche über einen Zeltdom gestülpt. Die Nähte hielten. Allein die Bommel hat einen Durchmesser von 1,40 Meter. Die Idee zum Mützenrekord kam der Truppe um Michaela Jahn beim Einstricken einer Litfaßsäule.

Auch im Nachbarort Haida sind Einwohner kreativ. Im Garten von Rosita Podschun haben Bäume wollige Kleider. Wochenlang strickten 19 Frauen während ihres wöchentlichen Treffens. Sie wollten damit auch gegen das weltweite Abholzen protestieren. Rosita Podschun: "Nach der Rhododen dronblüte fehlte mir Farbe im Garten, aber Bäume stehen reichlich. Da fiel mir das Stricken ein."

Mit Leidenschaft haben Männer die Boshi-Mützen zum Kult gemacht. Denn bei Snowboardern ist nicht nur das Tragen von Mützen längst salonfähig geworden. In Großkrausnik bei Finsterwalde ist ein gelernter Kfz-Mechatroniker "Bommel-Master". Mit seiner Häkellust bessert er seine Finanzen auf. Martin Kölling preist seine wuscheligen Bommelmützen auf Trödelmärkten oder im Internet an. Die Leidenschaft kommt nicht von ungefähr: "Ich trage schon seit meiner Kindheit gerne Mützen, auch im Sommer", sagte er.

Hollywood feiert das Stricken als das neue Yoga. Hierzulande zählt zwar auch die Entspannung, aber der Farbtupfer noch viel mehr. In Städten werden in Nacht-und-Nebel-Aktionen Denkmäler mit "Wollgraffiti" eingestrickt. Auf eine ähnliche Idee ist Mara Kinder-Wobst gekommen. Die Inhaberin eines Wollstübchens am Ortrander Altmarkt hat ihren Drahteseln vorm Geschäft ein buntes Kleid verpassen lassen. Die Räder sollen die teure Fassade schützen und zudem schön aussehen. Eine Kundin aus dem nahen Sachsen hatte Muse und Zeit, um wollige Hingucker zu häkeln. "Da ich viel in meiner Freizeit häkele und immer Wollreste übrig bleiben, habe ich der Geschäftsinhaberin vorgeschlagen, für ihre beiden Fahrräder einen Überzug zu häkeln", sagt Iris Hahn aus Brößnitz.

In einem Stadtteil von Forst ziehen sich fingerfertige Damen den Häkelnachwuchs heran. Die Noßdorfer Frauen treffen sich in einer Näh- und Dekogruppe. Da rattert die Nähmaschine auf der einen Seite und klappern die Stricknadeln auf der anderen. In Cottbus wird unter anderem im Eltern-Kind-Zentrum Schmellwitz Stricken und Sticken gelehrt. Wer noch auf der Suche nach der verlorenen Randmasche ist, kann sich oft auch an Volkshochschulen helfen lassen. Dort sind Handarbeitskurse rappelvoll. In Weißwasser sorgte 2012 die Kreativwerkstatt bei Bedürftigen für wärmende Schals und selbst gestrickte Wohlfühlmützen unterm Tannenbaum.

Und woher kommt die neue Wolllust? Laut Studien soll Stricken so wirksam gegen Stress und Bluthochdruck sein wie Meditieren und Yoga. Luftmasche statt Lotussitz: Das monotone Klackern der Stricknadeln sorge dafür, dass die Gedanken abschweifen. Es wirke beruhigend. Strickjünger sind in sich gekehrt, hören nur noch das Klappern der Nadeln. Pure Meditation also. Andere stricken lieber gemeinsam, auch in Elsterwerda. Der Bommelmützen-Rekord ist zwar geknackt - 117 Kilogramm hatte eine Mütze in Augsburg -, doch die Entscheidung der Experten des Guinnessbuches steht noch aus. Bis der Brief ins Haus flattert, ist also noch Zeit. Zeit um sich beim gemeinsamen Stricken und Häkeln, den Mund fusselig zu reden.